30. April 2003

Referat von Dr. Hans-Jürgen Schinzler zum Berichtsjahr 2002

Bilanzpressekonferenz am 30. April 2003

Sehr geehrte Damen und Herren,

auch ich begrüße Sie herzlich. Dies ist die 11. Bilanzpressekonferenz, zu der ich Sie als Vorstandsvorsitzender der Münchener Rück willkommen heißen darf. Dass es auch die letzte ist, wissen Sie bereits. Meinen Nachfolger haben einige von Ihnen gestern Abend bei einem kleinen Abendessen kennen gelernt oder wiedergesehen. Der Aufsichtsrat und wir Vorstände freuen uns über diese Lösung.

Herr Dr. Schneider wird Ihnen gleich die Bilanz des zurückliegenden Geschäftsjahres 2002 vorstellen. Schön war, soviel vorweg, dieses Jahr wahrlich nicht. Es hielt einige Herausforderungen für die Münchener Rück bereit: Der WTC-Anschlag wirkte ob seiner Komplexität und Größe auch in der letztjährigen Bilanz noch nach. In den USA war zudem eine Stärkung der Rückstellungen für Asbest- und andere Spätschäden nötig. In Europa belasteten uns die Überschwemmungen. Global und unvorhersehbar war nicht zuletzt natürlich der Jahrhundertschaden am Kapitalmarkt. Trotz allem schloss die Münchener Rück das Jahr mit einem — im Vergleich zum Vorjahr — ordentlich erhöhten und für sich gesehen durchaus respektablen Jahresüberschuss von 1,1 Mrd. Euro ab. Der Gewinn darf allerdings nicht verdecken, dass die Münchener Rück noch ein hartes Stück Arbeit vor sich hat, um wieder an die alte Ertragskraft anzuschließen.

Mit dem Gesamtbild für die Münchener Rück können wir nicht zufrieden sein, auch nicht, wenn es sich im Umfeld der Wettbewerber deutlich relativiert. Die gesamte Branche hat mit außerordentlich hohen Abschreibungen zu kämpfen. Der Münchener Rück gelang es zwar, durch frühe Beteiligungsverkäufe noch vor dem tiefen Kurssturz nennenswerte Gewinne zu realisieren, dem unvorhergesehenen massiven Einbruch der Märkte konnten wir uns aber nicht entziehen: Das Ergebnis aus den Kapitalanlagen hat sich halbiert. Die Eigenkapitalbasis der Münchener Rück ist ebenso ein Stück weit geschmolzen. Doch mit 14,5 Mrd. Euro bleibt die Münchener Rück solide finanziert. An unserer Bonität besteht kein Zweifel, wie die überaus erfolgreiche Platzierung unserer Bonds in diesem Monat beweist.

Wir haben das Risikokapital in der Rückversicherung nach unserem internen Risikomodell sehr vorsichtig kalkuliert. Von diesem Modell wollen wir auch die Rating-Agenturen überzeugen. Die Herabstufungen unseres Ratings nehmen wir ernst; wir sehen aber auch, dass die Ratings anderer führender Rückversicherer ein ähnliches Schicksal erlitten haben.

Unsere Fähigkeit, Risiken zu tragen, hat der zurückliegende Jahrhundertschaden am Kapitalmarkt nicht eingeschränkt. Dies stärkt unsere Position als führender Risikoträger. Wir werden durch die Ergebnisse in unserem Kerngeschäft überzeugen, weil unsere Kunden nach wie vor von der Qualität unseres Rückversicherungsschutzes überzeugt sind.

Auf die Zuarbeit eines freundlichen Kapitalmarkts darf man derzeit nicht hoffen. Die Münchener Rück stellt sich beim Management ihrer Kapitalanlagen darauf ein, dass sich die Volatilität auf den Kapitalmärkten bis auf Weiteres fortsetzen könnte. Eine Rückkehr zu den hohen Renditen, wie wir sie in den späten 90er Jahren erlebt haben, kann kein Mensch erwarten. Wir werden andererseits aber auch mit niedrigeren Kapitalanlageerträgen auskommen, weil wir im versicherungstechnischen Geschäft auskömmlich wirtschaften: "Profitabilität klar vor Wachstum" — diese Strategie erklärt die bisherigen Verbesserungen und gibt gleichzeitig die Richtung für die künftige Wegstrecke vor. Profitabilität ist und bleibt oberstes Gebot.

Vor allem in der Rückversicherung ist für profitables Geschäft die Situation heute so gut wie seit Jahren nicht. Die Aufschwungphase hatte mit der Erneuerung unserer Verträge für das Jahr 2001 begonnen. Wir haben seitdem Schritt für Schritt dringend nötige Verbesserungen von Preisen und Bedingungen durchgesetzt. Wir haben uns von Verträgen getrennt, wenn sie den hohen Zielvorgaben der Gruppe nicht gerecht wurden. Und: Auch bei den Verhandlungen für das Jahr 2003 haben wir das selektive und qualitätsorientierte Underwriting mit großem Erfolg fortgesetzt. Die Münchener Rück gab den Underwritern aller Bereiche und überall in den rund 70 Außenstellen weltweit strikte Vorgaben. Diese wurden trotz der damit einhergehenden Einschränkungen konsequent befolgt. Mit unseren Preisen und Bedingungen für das laufende Jahr steuern wir also eine Schaden-Kosten-Quote von um die 100% an.

Vielleicht darf ich an dieser Stelle ein wenig vorgreifen:

Wir haben zwar noch keine gefestigten Zahlen für das 1. Quartal, über das wir ja am 2. Juni berichten werden. Doch zeichnet sich in unserem Rückversicherungsgeschäft tatsächlich eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorjahr ab. Ich erwarte, dass diese Entwicklung im weiteren Verlauf des Jahres anhält. Allerdings warne ich immer wieder davor, die Kurzfrist-Zahlen zu stark zu betonen und die Eigenheiten der Rückversicherung zu vergessen. Wir sind vor Großschäden nicht gefeit. Dieses Risiko gehört eben zu unserem Geschäft. Naturgefahren etwa sind bekannte Risiken, mit denen ein Rückversicherer bis zum letzten Tag des Jahres rechnen muss. Jüngstes Beispiel ist die ungeahnt großflächige und kostspielige Überschwemmung des vergangenen Sommers.

Unser konsequentes Handeln zeitigt in den USA erste Erfolge. Hier haben wir die Reserven für den WTC-Schaden (500 Mio. US$) und für Spätschäden der American Re (2 Mrd. US$) sehr erheblich gestärkt. Dieser finanzielle Kraftakt hinterließ natürlich zunächst einmal tiefe Schleifspuren in unserer Bilanz 2002. Andererseits sind wir heute mit dem neuen Management der American Re in den Vereinigten Staaten wirklich strukturell und strategisch sehr gut aufgestellt für profitables Geschäft. Die American Re hat bereits eine sehr erfolgreiche Erneuerung ihrer Verträge zum 1. Januar 2003 hinter sich und sollte bei normalem Schadenverlauf schon für das laufende Jahr bei einer Schaden-Kosten-Quote von unter 100 Prozent landen. Das lässt auch bei ihr der bisherige Informationsstand über das 1. Quartal erkennen.

Im Rückversicherungsgeschäft ist Ziel aller Maßnahmen und beharrlicher Aktivität: Die Münchener Rück soll der ertragreichste Rückversicherer unter den "Top fünf" sein. Das Risikokapital wird dort eingesetzt, wo es die höchste Verzinsung verspricht. Unsere Prioritäten sind klar definiert.

Die Nachfrage nach Rückdeckung ist und bleibt ungebremst. Die Sonderkonjunktur in der Rückversicherung geht weiter. Herr Dr. von Bomhard kann dies und die Auswirkungen auf unser Haus in der Diskussion sicher noch erläutern.

Die Münchener Rück hat die günstige Lage am Rückversicherungsmarkt genutzt, um ihre Markt-, Kapital- und Ratingposition zu stärken. Mit zwei nachrangigen Anleihen in Euro und Pfund Sterling haben wir uns zusätzliche Eigenmittel beschafft, um am Aufschwung in der Rückversicherung voll partizipieren zu können. Die Nachfrage war enorm: 3 Mrd. Euro plus 300 Mio. Pfund Sterling waren problemlos zu erzielen. Die Anleger hätten sogar einen doppelt so hohen Betrag bei der Münchener Rück platziert. Dieses monetäre und deshalb besonders aussagefähige Echo aus dem Kapitalmarkt ist ein Lob für unser Konzept, das uns Eigenmittel sichert, ohne das Eigenkapital zu verwässern, wie es bei einer Kapitalerhöhung der Fall gewesen wäre. Die positive Resonanz des Kapitalmarkts ist zugleich Beweis dafür, dass das Vertrauen der Investoren in uns weiterhin sehr groß ist.

Das Gebot der Profitabilität gilt selbstverständlich auch für die Erstversicherer der Münchener-Rück-Gruppe. Die ERGO Versicherungsgruppe hat sich gut positioniert für die künftigen Herausforderungen in der Krankheits- und der Altersabsicherung, die ja ohne Zweifel rasch und konsequent mit privatwirtschaftlicher Unterstützung weiterentwickelt werden müssen. Unser Marktprofil passt zu den gestellten Aufgaben. Unsere Erstversicherer kommen schnell aus den Blöcken und starten durch, wie unser überdurchschnittlich hoher Marktanteil im Riester-Geschäft (18% in Riester bei 9% in Leben) und der Verkaufserfolg von 160.000 Policen in der betrieblichen Altersvorsorge zeigen. ERGO hat ihre enorme Vertriebskraft noch gesteigert: durch die Ergänzung der Vertriebswege und Vertriebspotenziale in der Kooperation mit Hypovereinsbank sowie im Joint Venture mit Karstadt Quelle. Mit den KarstadtQuelle Versicherungen haben wir im Übrigen den mit 2 Mio. Kunden größten Direktversicherer Deutschlands in unserer Gruppe.

MEAG, der Asset Manager der gesamten Münchener-Rück-Gruppe, nutzt auf hohem Niveau vorhandenes Knowhow für Drittgeschäft mit preisgekrönten Fonds. Den Vertrieb übernimmt unter anderen die ERGO. Auch hier gilt: Qualität vor Quantität.

Die Konstruktion der ERGO bietet zudem die Chance auf Synergien plus Effizienz. Bei 29 Mio. Kunden europaweit ergibt sich ein riesiges Cross-Selling-Potential. Im Hintergrund sorgen beispielsweise ein einheitliches Schadenmanagement im Schaden- und Unfallgeschäft und eine einheitliche IT-Plattform für Kostendegression. Die ERGO strafft nochmals die Zügel und will ab Mitte 2003 Synergieeffekte realisieren, die von 2005 an 300 Mio. Euro jährlich einsparen sollen. Die systematische Überprüfung aller Einheiten, Funktionen und Prozesse lässt uns auch auf eine weitere Senkung der schon jetzt hervorragenden Schaden-Kosten-Quote hoffen. Im Auslandsgeschäft legt ERGO den Schwerpunkt ebenfalls auf die Konsolidierung von Beständen, Standorten und Geschäftsprozessen, um die Profitabilität zu sichern.

Mit dem operativen Geschäft unseres Erstversicherungssegments können wir sehr zufrieden sein. Wir haben zudem erfolgversprechende Weichenstellungen vorgenommen. Die strategische Konzentration auf das Privatkundengeschäft in Leben und Kranken macht die ERGO-Gesellschaften aber auf der anderen Seite der Bilanz auch zu den größten institutionellen Anlegern am Kapitalmarkt. Diese Abhängigkeit von den Börsen brachte während der beispiellosen Talfahrt der Aktienkurse erhebliche Wertberichtigungen mit sich. Bei allen Maßnahmen, die wir als professionelle Vermögens-Verwalter — auch und nicht zuletzt hinsichtlich der Versichertengelder — kennen und selbstverständlich anwenden: Eine Loslösung kann strukturbedingt nicht oder nur zum Teil gelingen.

Eine wesentliche Maßnahme zur Lockerung dieser Abhängigkeit hat die Münchener Rück schon vor Jahren in Angriff genommen: Die Entflechtung der gemeinsam mit der Allianz gehaltenen Vielzahl von Beteiligungen und schließlich die Reduzierung der gegenseitigen Beteiligungen von Münchener Rück und Allianz selbst. Dabei sicherten uns zuletzt steuerfreie Verkäufe von Anteilen noch vor dem tiefen Absturz der Börsenkurse ungewöhnlich hohe Kapitalerträge. Nun bot die Kapitalerhöhung der Allianz die Gelegenheit, durch eine "opération blanche" unseren im letzten Jahr auf 20% abgesenkten Anteil am Grundkapital der Allianz weiter zu verringern, und zwar auf vereinbarte rund 15%. An der freundschaftlichen und über viele Jahrzehnte erprobten und bewährten Beziehung zur Allianz wird sich nichts ändern.

Fazit: Die Münchener-Rück-Gruppe ist nach wie vor sehr gut positioniert. In der Erstversicherung partizipieren wir mit besten Voraussetzungen am ertragsstabilen Privatkundengeschäft. In der Rückversicherung sind wir die Adresse für die Versicherung großer und komplexer Risiken. Ebenso wie wir selbst müssen auch unsere Kunden, die Erstversicherer, mit der doppelten Volatilität aus dem Versicherungsgeschäft und aus dem Kapitalmarkt leben. Dieses Bewusstsein ist mittlerweile da. Dies hilft uns bei der Erzielung risikoadäquater Preise und Bedingungen. Wir sehen daher aktuell mit großer Zuversicht die weitere Entwicklung unseres Geschäfts.

Soweit, meine sehr geehrten Damen und Herren, mein Auftakt zur diesjährigen Pressekonferenz. Ich bedanke mich für Ihr Interesse und möchte nun Herrn Dr. Schneider um seinen Beitrag bitten.

(Es gilt das gesprochene Wort.)