29. Mai 2001
Referat des Vorstandsvorsitzenden
Bilanzpressekonferenz am 29. Mai 2001
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
zu unserer diesjährigen Bilanzpressekonferenz heiße ich Sie ebenfalls herzlich willkommen. Wir freuen uns, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind. Sie ebenso wie Ihre Leser interessiert die Frage: Wo steht die Münchener-Rück-Gruppe, und wohin will sie? Unsere Berichterstattung über das Geschäftsjahr 2000 und über das 1. Quartal des laufenden Geschäftsjahres wirft auf diese Frage nur ein Schlaglicht. Mindestens so interessant wie diese Momentaufnahme ist natürlich der gesamte Film über die Entwicklung vom reinen Rückversicherer zu einem führenden Risikoträger und Finanzdienstleister. Diesen werde ich Ihnen nicht in ganzer Länge vorführen, denn die Münchener Rück ist jetzt immerhin 120 Jahre alt. Fokussieren wir uns auf das letzte dieser 12 Jahrzehnte — eine von politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen geprägte Zeitspanne. Die kurze Rückschau auf diese auch für uns besonders ereignisreiche Dekade erleichtert dann den Blick auf Aussichten und Zukunft der Münchener-Rück-Gruppe.
Die Neunzigerjahre waren für die Münchener Rück ein Jahrzehnt strategischer Neuausrichtung. Für uns und unser Umfeld hatten diese Jahre Bewährungsproben parat, die keineswegs alle Marktteilnehmer bestanden. Manche Versicherer und Rückversicherer brachen unter der Last großer Schäden zusammen oder suchten Anlehnung bei anderen. Lloyd's verlor einen Teil seines Nimbus. Die Kapitalmärkte schickten sich an — so schien es jedenfalls zeitweise -, die traditionellen Risikoträger zu substituieren. Doch vor allem war es ein Jahrzehnt der Naturkatastrophen. Es begann 1990 mit dem Paukenschlag der Winterstürme in Europa: Erstmals wurde eine dichtbesiedelte Region mit hoher Wertekonzentration und gleichzeitig mit hoher Versicherungsdichte von so großflächigen Ereignissen getroffen. Als die von Daria, Wiebke und sechs anderen Stürmen angerichteten Schäden bewertet waren, addierte sich der gesamte volkswirtschaftliche Verlust auf annähernd 15 Mrd. Dollar und der versicherte Schaden auf über 10 Mrd. Dollar. Nie zuvor hatte eine Naturkatastrophe — ob nun Erdbeben, Hurrikan oder Überschwemmung — die Versicherer auch nur annähernd die Hälfte dieses Betrags gekostet. Die Münchener-Rück-Gruppe allein bezahlte mehr als 1 Milliarde DM. Nur zwei Jahre danach, im August 1992, setzte in den USA der Hurrikan "Andrew" neue Maßstäbe mit 30 Mrd. Dollar volkswirtschaftlichem Schaden und mit 17 Mrd. Dollar versichertem Schaden. Eineinhalb Jahre später folgte das Northridge-Erdbeben bei Los Angeles mit 44 Mrd. Dollar volkswirtschaftlichem Schaden und rund 15 Mrd. Dollar versichertem Schaden. Auf den Tag ein Jahr später, am 17. Januar 1995, bebte die Erde in Kobe. Volkswirtschaftliche Werte von insgesamt 100 Mrd. Dollar wurden zerstört, allerdings hatte in diesem Fall die Versicherungswirtschaft wegen der Besonderheiten der Deckungen in Japan lediglich etwa 3 Mrd. Dollar zu tragen. Gleichwohl waren Northridge u n d Kobe Menetekel für die Katastrophenanfälligkeit moderner Volkswirtschaften, insbesondere für die Verletzbarkeit moderner Großstadträume. Bis zum Ende der Neunzigerjahre hielten Häufigkeit und Intensität der Naturkatastrophen an. Unsere Fachleute zählten auch im Berichtsjahr 2000 mehr Elementarschadenereignisse denn je zuvor. Es war purer Zufall, dass Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte und großer Werteakkumulation nicht betroffen waren.
Die Münchener Rück hat ein umfangreiches versicherungstechnisches Instrumentarium, um die Auswirkungen solcher Ereignisse auf ihre Ertragslage zu beschränken. Dazu zählen auch die so genannten NatKat-Bonds, mit denen wir angesichts ziemlich ausgetrockneter Retrozessionsmärkte Anfang des Jahres die Kapitalmärkte getestet haben. Doch verstehen wir uns, wie Sie wissen, ja auch als Mahner, um mit unserem Fachwissen und internationalem Überblick darauf hinzuweisen, wenn und wo Entwicklungen aus dem Lot geraten. Deshalb haben wir in der letzten Dekade in Pressekonferenzen und in Veröffentlichungen mehrfach ein partnerschaftliches Vorgehen von Staat, Versicherungswirtschaft und Versicherungskundschaft gefordert; denn anders sind die überproportional gestiegenen Risiken aus Naturkatastrophen nicht zu bewältigen.
Als führender Rückversicherer weltweit kennen wir die große Volatilität unseres Geschäfts: Jahren mit sehr guten können Jahre mit sehr schlechten Ergebnissen folgen, übrigens nicht nur wegen Naturkatastrophen, auch wegen sonstiger Groß- und Größtschäden. Um uns gegen diese Volatilität abzusichern, haben wir einige Weichen umgestellt: Zunächst haben wir unser Rückversicherungsgeschäft, das bis Mitte der Neunzigerjahre sehr stark von Mitteleuropa und Deutschland und von der hiesigen Geschäftsphilosophie geprägt war, Schritt für Schritt auf eine breitere Basis gestellt. Unter anderem zu diesem Zweck haben wir auch die American Re erworben; organisches Wachstum allein hätte uns auf dem weltweit größten Versicherungsmarkt, den USA, mit seiner bekannten Innovationskraft nicht so zügig vorangebracht.
Neben der besseren Austarierung des Rückversicherungsgeschäfts haben wir wesentliche Teile unserer Erstversicherungsinteressen, die zuvor reine Kapitalanlageengagements waren, gebündelt und erweitert. So entstand 1997 die ERGO-Versicherungsgruppe als Nummer 2 in der deutschen Versicherungswirtschaft. Ihr Heimatmarkt ist Europa; hier ist sie in der privaten Krankenversicherung und in der Rechtsschutzversicherung sogar jeweils die Nummer 1. Die Erstversicherung ist nicht nur eine stetigere Ertragsquelle als die Rückversicherung. Wir als Münchener-Rück-Gruppe haben gleichzeitig über ERGO, deren Versicherer sich vor allem auf Personenversicherungen im Privatkundensegment konzentrieren, nun unmittelbaren Zugang zu diesem attraktiven und besonders wachstumsstarken Basisgeschäft.
Last but not least hat vor einem Jahr die von Münchener Rück und ERGO gemeinsam gegründete Asset-Management-Gesellschaft MEAG ihre Geschäftstätigkeit aufgenommen. Mit ihr erhöhen wir die Kompetenz und Professionalität, mit der die Gelder für unsere Gruppe sowie für institutionelle Kunden und Retailkunden der MEAG angelegt werden. Bei diesen Zielgruppen sehen wir noch einiges Potential. Gleichzeitig realisieren wir für die Gruppenunternehmen beträchtliche Synergien bei der Nutzung von Knowhow, Technik und Dienstleistungen.
In diesem Zusammenhang ein Wort zu unserem eigenen Auftritt auf dem Kapitalmarkt: Die Aktie der Münchener Rück AG war 1990 trotz schon bis dahin sehr guter Performance ein Nischenpapier für Kenner. Die Zahl der Aktionäre lag unter 10.000. Inzwischen ist das Wertpapier der Münchener Rück eine weithin beachtete Aktie, die nicht nur wegen ihrer Zugehörigkeit zum DAX 30 und zum EURO STOXX internationale Aufmerksamkeit findet. Die Zahl der Aktien, die Zahl der Aktionäre, insbesondere auch die Zahl der ausländischen Aktionäre, haben sich vervielfacht. Die Aktie der Münchener Rück AG ist heute eine der gewichtigsten und erfolgreichsten deutschen Aktien. Hierfür haben wir Schritt für Schritt die Voraussetzungen geschaffen; durch eine einfachere Aktienstruktur, mehr Transparenz und durch höheren Free Float. Auch der Optionsschein der Münchener Rück AG, bei seiner Erstemission eine absolute Innovation auf dem deutschen Markt, ist ein beliebtes Wertpapier; und kürzlich haben wir mit einem Exchangeable Bond auf ca. 1 Prozent Allianz-Aktien erneut ein sehr modernes Kapitalmarktinstrument eingesetzt und große Nachfrage geweckt.
Hiermit sind wir bei den Veränderungen, die sich zwischen der Münchener Rück und der Allianz AG seit Anfang der Neunzigerjahre ergeben haben. Die Vielzahl der Transaktionen der vergangenen Jahre, die ich hier nicht wieder im einzelnen aufzählen möchte, brachte uns dem wichtigen Ziel näher, unsere in verschiedenen Beteiligungen gebundenen Mittel so einzusetzen, dass wir letztlich auch größere Rentabilität erzielen können. Einige dieser Schritte waren Voraussetzung für die Bildung der ERGO Versicherungsgruppe, die jüngsten haben zum Ziel, unsere Position bei der ERGO erheblich, nämlich auf 95 Prozent, auszubauen und gleichzeitig die Kooperation mit der HVB-Group bundesweit zu gestalten und darüber hinaus auf eine exklusive Basis zu stellen. Hierauf komme ich noch zu sprechen.
Zahlen belegen unseren Erfolg: In der mit dem Berichtsjahr 2000 abschließenden Dekade stiegen unser Konzernumsatz von 7,3 Milliarden Euro auf 31 Milliarden Euro und der Konzerngewinn von 46 Millionen Euro auf 1,75 Milliarden Euro. Der Börsenwert der Münchener Rück und damit das Vermögen unserer Aktionäre erhöhte sich in diesem Zeitraum von 8 Milliarden Euro auf 67 Milliarden Euro. Acht Mal haben wir seit 1990 die Dividende heraufgesetzt. Die Ausschüttung für das Geschäftsjahr 2000 wollen wir von 0,95 Euro auf 1,25 Euro steigern. Die Dividendensumme erreicht damit 221 Millionen Euro; zu Beginn der Neunzigerjahre waren es 34 Millionen Euro.
Alle unsere Geschäftsfelder ebenso wie unsere Aktie sind auch im Berichtsjahr 2000 gut vorangekommen. Was wir Ihnen in unserer Pressekonferenz zum Halbjahresbericht 2000 im Ausblick für das Gesamtjahr angekündigt haben, hat sich bestätigt, wurde teilweise sogar übertroffen.
Die Beitragseinnahmen der Münchener-Rück-Gruppe konnten wir um 13,5 Prozent auf 31,1 Milliarden Euro steigern. 54 Prozent dieses Umsatzes erzielten wir in der Rückversicherung, unserem traditionellen Geschäft mit Versicherern und zunehmend auch anderen Institutionen; hier kletterten die Beiträge um 19,2 Prozent auf 18,3 Milliarden Euro. Zu diesem markanten Anstieg trug vor allem die Rückversicherung in den Sparten Leben, Kraftfahrt und Feuer bei; regional betrachtet ist unser Geschäft namentlich im europäischen Ausland und in Nordamerika gewachsen. Am nachhaltigsten war das Beitragswachstum in der Lebens- und Krankenrückversicherung mit einem Plus von 25,6 Prozent auf 4,7 Milliarden Euro. Es lag damit noch über dem hohen Vorjahreswachstum. In den Zahlen des Berichtsjahres ist das Geschäft der CNA Financial Corporation noch nicht enthalten, deren Lebensrückversicherungsportefeuille wir zum Jahreswechsel erworben haben.
Auch in der Erstversicherung, in deren Mittelpunkt bei uns der Privatkunde steht, expandierte unser Geschäft deutlich. Die Beitragseinnahmen stiegen um 6,8 Prozent auf 14,4 Milliarden Euro. Unsere Erstversicherer wachsen in der Schaden- und Unfallversicherung nach wie vor schneller als der deutsche Markt und dies mit hervorragenden Ergebnissen. Im dominierenden Leben- und Kranken-Geschäft überschritten unsere Gesellschaften bei einem Beitragsplus von 5 Prozent erstmals die 10-Milliarden-Euro-Marke. Das Auslandsgeschäft der ERGO trägt inzwischen 18 Prozent zum Gesamtumsatz der Erstversicherungsgruppe bei, wenn man die im Vorjahr mit der Alten Leipziger Europa erworbenen Gesellschaften sowie die Bayerische Vita in einer as-if-Rechnung einbezieht. Der Auslandsanteil hat sich damit in drei Geschäftsjahren praktisch verdoppelt.
Insgesamt noch beachtlicher als die Beitrags- war die Ergebnisentwicklung des Konzerns im Jahr 2000. Die Rückversicherer trugen zum operativen Ergebnis im Berichtsjahr 1,5 Milliarden Euro bei. Dieser Zuwachs um 26 Prozent kommt im wesentlichen aus der Lebens- und Krankenrückversicherung und im übrigen aus einem höheren Ergebnis aus Kapitalanlagen. Das Verhältnis von Schäden und Kosten zu den verdienten Prämien, kurz: die Combined Ratio, ging in der Schaden- und Unfallrückversicherung zwar zurück, war aber mit 115,3 Prozent unverändert zu hoch. Unsere Weichenstellungen in der letzten Dekade haben sich insgesamt bewährt. So trugen die Erstversicherer im Berichtsjahr 1,3 Milliarden Euro zum operativen Ergebnis bei, 41,5 Prozent mehr als 1999. Hier ist zunächst die besonders gute Combined Ratio von 97,3 Prozent in der Schaden- und Unfallversicherung hervorzuheben; sie spiegelt die ausgewählte Zusammensetzung des Portefeuilles unserer Erstversicherer und ihr diszipliniertes Marktverhalten wider. Außerdem erwirtschafteten sie ein beachtliches Ergebnis aus Kapitalanlagen, weil sie vor allem im ersten Quartal 2000 die hohen Kurse an den Aktienbörsen zu Gewinnmitnahmen genutzt haben.
Nimmt man alle Ertrags- und Aufwandsposten zusammen, erhöhte sich der Konzernjahresüberschuss der Münchener Rück im Berichtsjahr um 54,5 Prozent auf 1,75 Milliarden Euro. Zwei Sondereffekte trugen zum kräftigen Ergebnisanstieg des Berichtsjahres bei, nämlich die erstmalige Konsolidierung der Spezialfonds mit 180 Millionen Euro und ein erneuter zusätzlicher Ertrag aus der Absenkung des Körperschaftssteuersatzes in Deutschland mit 320 Millionen Euro. Rechnet man für Berichtsjahr und Vergleichsjahr auf vergleichbarer Basis, so ergibt sich eine immer noch herausragende Steigerung um 50 Prozent auf 1,25 Milliarden Euro. Damit konnten wir sogar das gute Jahr 1998 noch übertreffen; 1999 — Sie werden sich erinnern — war von Naturkatastrophen ungewöhnlich stark belastet gewesen.
Das Ergebnis je Aktie stieg von 6,45 Euro auf 9,89 Euro, also um 53,3 Prozent. Bereinigt verbesserte sich diese Kennzahl um nicht weniger als 48,6 Prozent auf 7,06 Euro.
Was die Gesellschaften der Münchener-Rück-Gruppe im Wettbewerb so gut positioniert, das ist neben ihrer großen Marktnähe in der Rück- und in der Erstversicherung, neben der Produktvielfalt und neben der Kompetenz der Mitarbeiter die hervorragende Ausstattung mit Eigenkapital. Diese stieg im Berichtsjahr erneut beachtlich, und zwar auf 23,6 Milliarden Euro. Eine solche Größenordnung ist ein Garant für die ständige Erfüllbarkeit unserer Verpflichtungen aus dem Versicherungsgeschäft und trägt wesentlich dazu bei, dass wir in der heutigen Marktsituation mehr denn je gesucht sind. Die Münchener Rück gehört zu dem kleinen Kreis von Rückversicherern, der von den führenden Ratingorganisationen A.M. Best, Standard & Poor's und Moody's jeweils mit Höchstnoten bedacht wird. Mit anderen Worten: Wenn große Risiken auf den Markt kommen, ist die Münchener Rück einer der ersten Ansprechpartner. Und bei risikoadäquaten Konditionen beteiligen wir uns auch.
Auf dem Weg zu risikoadäquaten Konditionen — mit dieser Überschrift könnte man die jüngste Erneuerungsrunde für die Rückversicherungsverträge 2001 charakterisieren. Das heißt also: Nach Jahren, in denen ein Überangebot an Rückversicherung Preise und Bedingungen herunterkonkurriert hatte, hat sich der Wind jetzt gedreht. Die Erneuerung der Verträge für das Jahr 2001 verlief für uns erfolgreich: Die Münchener Rück und ihre Tochterunternehmen konnten vielfach Preiserhöhungen durchsetzen und auch die übrigen Konditionen verbessern. Allerdings muss der Auftrieb anhalten und sich auch noch weiter verstärken, damit Preise und Bedingungen wieder risikoadäquat werden. Da sind wir aber optimistisch, denn die internationalen Rückversicherungsmärkte hatten weithin unbefriedigende Schaden/Kosten-Quoten, die Rückversicherungskapazität ist hier und da geschrumpft, die Nachfrage nach qualitativ hochwertigem Rückversicherungsschutz ungebrochen und die Konzentration der Nachfrager auf die großen Rückversicherer mit Top-Sicherheit unverkennbar. Wichtig ist aber auch, dass die Erstversicherer schon aus Eigeninteresse für hoch exponierte Sach-, Haftpflicht- und Transportrisiken wieder ein adäquates Ratenniveau erreichen, das den offenkundig erheblich gestiegenen Wertekonzentrationen und Gefährdungen Rechnung trägt.
Mit dem Start in das neue Jahr sind wir insgesamt zufrieden. Die im Trend erfolgreiche Erneuerung der Verträge hat sich positiv auf Umsatz und Ergebnis des 1. Quartals ausgewirkt. Da wir erstmals einen Quartalsbericht vorlegen, möchte ich darauf hinweisen, dass Quartalsergebnisse für Versicherungsunternehmen, zumal für Rückversicherer, wegen der Volatilität des Schadenverlaufs und der naturgemäß nicht stetig anfallenden Gewinne und Verluste im Kapitalanlagebereich kein zuverlässiger Indikator für das Jahresergebnis sind.
In der Rückversicherung sind wir mit dem Rückenwind der Erneuerungssaison auf einem guten Weg. Die Beiträge sind um 24,1 Prozent auf 5,0 Milliarden Euro gestiegen. Die Schäden der ersten drei Monate zeigen allerdings, dass Preise und Bedingungen in der Nichtlebensrückversicherung weiter verbessert werden müssen: So sank unsere Schaden-Kosten-Quote im ersten Quartal zwar auf 112,1 Prozent, ohne Schäden aus Naturkatastrophen auf 110,4 Prozent. Um unser Ziel "im langfristigen Durchschnitt unter 105 Prozent" zu erreichen, sind aber noch deutliche Anstrengungen erforderlich; es ist also noch ein gutes Stück zu gehen, bis Prämien und Schäden wieder in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen.
Mit der Entwicklung der Erstversicherung unserer Gruppe sind wir insgesamt zufrieden. Ihr Wachstum — im ersten Quartal ein Plus von 9 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro — wird anhalten, insbesondere im Ausland; die im Vorjahr getätigten Akquisitionen schlagen 2001 voll zu Buch. Die letzte Stufe der Steuerreform wird das Jahresergebnis unserer deutschen Erstversicherer nochmals positiv beeinflussen; sie wird sich allerdings erst im 4. Quartal auswirken.
Unser Ergebnis vor Abschreibungen auf Geschäfts- oder Firmenwerte und vor Steuern (EBITA) beträgt 995 Millionen Euro; nach Steuern und Fremdanteilen beläuft sich der Überschuss auf 805 Millionen Euro*. Den erfreulichen Überschuss prägen zwei gegenläufige Sondereinflüsse: Einerseits haben wir wegen der schwachen Verfassung der Kapitalmärkte zu Jahresbeginn Veräußerungsgewinne — insgesamt 892 Millionen Euro — nur dort realisiert, wo dies die Einschätzung der weiteren Kursentwicklung nahe legte und uns ansonsten — auch mit Blick auf die sich ändernden steuerlichen Rahmenbedingungen — Zurückhaltung auferlegt.
Andererseits enthält das Kapitalanlagenergebnis einen positiven Einmaleffekt von rund 550 Millionen Euro aus der Equity-Bewertung unserer Anteile an der Allianz. Der Grund für diesen Sondereffekt: Bisher erfolgte die Equity-Bewertung um ein Jahr zeitversetzt; im Konzernabschluss 2000 waren also unsere Anteile auf der Basis des Konzernabschlusses 1999 der Allianz bilanziert. Mit dem Wechsel zur Quartalsberichterstattung — bei Allianz und bei uns — wird eine zeitnähere Bewertung der Anteile möglich. Die Phasenverschiebung verringert sich also von einem Jahr auf 90 Tage. Demzufolge beruht die Bewertung unserer Anteile an der Allianz nunmehr auf deren Abschluss zum 31. Dezember 2000; mithin sind im Ergebnis aus assoziierten Unternehmen nicht die Zahlen für ein Quartal enthalten, sondern für ein volles Jahr. Dieser kompliziert klingende, aber lediglich eine Phasenverschiebung bereinigende Vorgang hat übrigens nichts zu tun mit den erheblichen Gewinnen aus dem Verkauf von Anteilen im Rahmen der geplanten Neuordnung der Beteiligungsverhältnisse mit der Allianz; diese werden erst im Geschäftsjahr 2002 anfallen.
Angesichts des Beitragsanstiegs im 1. Quartal 2001 erwarten wir für das gesamte Geschäftsjahr 2001 derzeit, unveränderte Wechselkurse unterstellt, einen Konzernumsatz von 33 Milliarden Euro nach 31 Milliarden Euro im Vorjahr. Unser Jahresergebnis 2001 wird — wie immer unter der Voraussetzung, dass nicht Außergewöhnliches auf den Versicherungs- und Kapitalmärkten geschieht — wieder zweistellig wachsen. Auch bereinigt um Sondereffekte werden sowohl unser operatives Ergebnis als auch das Jahresergebnis an den hohen Überschuss des Vorjahres anknüpfen können.
Schaue ich in meinem Ausblick noch über das Jahr 2001 hinaus, dann bin ich optimistisch:
In der Rückversicherung erwarten wir uns von der Erneuerungssaison 2001/2002 eine weitere kräftige Verbesserung der Gesamtkonditionen zu unseren Gunsten. Und die hervorragende Positionierung der Gruppe sollte uns im Aufwärtstrend der Märkte gute Geschäftmöglichkeiten bieten.
In der Erstversicherung sind unsere Unternehmen in Deutschland und zunehmend auch im europäischen Ausland so gut im Privatkundengeschäft aufgestellt, dass sie von den maßgeblichen Trends weiter vorneweg profitieren werden; ich denke hier vor allem an das steigende individuelle Vorsorgebewusstsein angesichts anhaltender Probleme von Sozialversicherungssystemen.
Nun komme ich zu einem Thema, das Sie heute gewiss von uns erwarten. Wir hatten Sie Anfang April darüber informiert, dass Münchener Rück und Allianz in Fortführung der vor einem Jahr geschlossenen Absichtserklärung vereinbart haben, ihre Beteiligungen aneinander zu reduzieren und im übrigen weitere Anteile an gemeinsamen Tochter- und Beteiligungsgesellschaften neu zu ordnen. In diesem Zusammenhang wird die Münchener-Rück-Gruppe ihre Beteiligung von 40,6 Prozent an der Allianz Leben und ihre Anteile an der Dresdner Bank sowie ihre Beteiligungen von 45 Prozent an der Bayerischen Versicherungsbank und von 49,9 Prozent an der Frankfurter Versicherungs-AG an die Allianz veräußern. Des weiteren werden wir im Rahmen des Übernahmeangebots der Allianz an die Dresdner-Bank-Aktionäre bis zu 4 Prozent Allianz-Aktien aus eigenen Beständen zur Verfügung stellen. Dadurch wird sich unsere Beteiligung an der Allianz auf rund 21 Prozent reduzieren. Ein weiteres Prozent Allianz-Anteile haben wir bereits mit dem im Juni 2000 erfolgreich platzierten Exchangeable Bond über insgesamt 1,15 Milliarden Euro dem Kapitalmarkt angeboten.
Die erheblichen Mittel, die uns beim Abschluss dieser Transaktionen in diesem und im kommenden Jahr zufließen investieren wir weitgehend in unser Kerngeschäftsfeld Erstversicherung: in die Erhöhung unserer Beteiligungen bei der ERGO-Gruppe, und zwar auf 95 Prozent, und zum anderen bei der Karlsruher Leben, auf 90 Prozent. Zudem wird die Neuordnung dazu führen, dass die Beteiligung an unserem — in beide Richtungen nunmehr exklusiven — Kooperationspartner HVB Group auf gut 25 Prozent steigt.
Im Detail und der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass 2,5 Prozent HVB-Aktien von der Dresdner Bank zu uns kommen und 13,5 Prozent HVB-Aktien von der Allianz. Ebenso von der Allianz stammen Karlsruher-Leben-Anteile von 36,1 Prozent, die wir hinzuerwerben. Bereits im Vorjahr, Sie erinnern sich, hatten wir die Anteile der Allianz in Höhe von 39 Prozent an der Mercur Assistance übernommen.
Das kombinierte öffentliche Kauf- und Tauschangebot haben wir den außenstehenden ERGO-Aktionären vor knapp zwei Wochen unterbreitet; danach können sie je zwei ERGO-Aktien an uns abgeben und im Gegenzug je eine Münchener-Rück-Aktie und 18 Euro in bar erhalten. Die im Rahmen dieses kombinierten Angebots benötigten Münchener-Rück-Aktien wird die Allianz aus eigenen, zum Teil ihr ex Dresdner Bank zuwachsenden Beständen zur Verfügung stellen. Die Beteiligung der Allianz an der Münchener Rück wird nach Abschluss aller geplanten Transaktionen etwa 23 Prozent betragen. Bis zum Ende des Jahres 2003 sollen dann, so die Absichtserklärung vom vergangenen Jahr, die Anteile von Münchener Rück und Allianz aneinander auf jeweils rund 20 Prozent reduziert sein.
Wir erwarten den Abschluss aller Transaktionen nach Vorliegen der behördlichen und aufsichtsrechtlichen Genehmigungen für das Frühjahr nächsten Jahres. Wir können so die strategische Positionierung unserer Gruppe entscheidend verbessern. Alle Transaktionen zusammengenommen sind im Wesentlichen liquiditätsneutral und führen zu einer besseren Nutzung des vorhandenen Eigenkapitals. Dabei spreche ich nicht von den erheblichen Einmaleffekten aufgrund der steuerneutralen Realisierung von Kursgewinnen im nächsten Jahr, sondern von einem nachhaltig positiven Ergebnisbeitrag. So ist allein aus dem Tausch der Beteiligungen eine Steigerung des operativen Gewinns um über 1 Euro pro Aktie ab nächstem Jahr zu erwarten. Sie sehen, erfreuliche Aussichten.
Zusätzliche, heute noch nicht im Einzelnen quantifizierbare Ertragschancen erwarten wir uns aus der dauerhaften Stärkung der nunmehr bundesweit exklusiven Kooperation der Münchener-Rück-Gruppe und der HVB Group.
Diese Kooperation steht auf einem soliden Fundament: Seit über 12 Jahren arbeitet die Vereinsbank mit ERGO-Gesellschaften erfolgreich zusammen. Hierzu ein paar Zahlen: Der VICTORIA Leben werden bereits jetzt ein Viertel ihres Neugeschäfts durch HVB-Filialen und -Mitarbeiter vermittelt. Dies ist allerdings erst der Anfang, denn das Potenzial ist riesig: Erst etwa 6 Prozent der HVB-Kunden sind Kunden der VICTORIA Leben. Aber die Kooperation ist auch keine Einbahnstraße: Der Außendienst der VICTORIA hat der HVB, der größten Hypothekenbank Europas, im Jahr 2000 ein Finanzierungsvolumen von rund 500 Millionen DM vermittelt, in erster Linie Baufinanzierungen. Die Durchdringung der VICTORIA-Kundschaft lässt Raum für weitere Entwicklung von HVB-Geschäft.
Wo es Sinn macht, hat sich die Kooperation bereits in Joint Ventures manifestiert: Die gemeinsame Tochter Vereinsbank VICTORIA Bauspar AG zählt zu den am schnellsten wachsenden Bausparkassen in Deutschland, hat sie sich doch seit ihrer Gründung vor 10 Jahren bereits auf Platz 8 der Rangliste aller privaten Bausparkassen vorgearbeitet. Im Bereich Asset-Management fiel am 1. Januar diesen Jahres der Startschuss für die gemeinsame FondsServicebank GmbH, die durch Synergien in den kommenden vier Jahren Kosteneinsparungen in zweistelliger Millionenhöhe realisieren soll.
Unter dem Strich kann man sagen, dass die Kooperation zwischen HVB und VICTORIA sicherlich eines der erfolgreichsten Modelle einer solchen Zusammenarbeit zwischen privaten Versicherungen und privaten Banken auf dem deutschen Markt ist. Auf dieser Basis werden nun bald weitere Initiativen gestartet. Unser Ziel ist, das vorhandene hohe Potenzial des HVB-Privatkundenstamms zugunsten unserer Versicherer besser auszuschöpfen — und vice versa. Die exklusive Zusammenarbeit beider Häuser wird sich über noch besser abstimmbare Vorsorge- und Finanzierungsprodukte auch für die Kunden positiv auswirken.
Die Partnerschaft zwischen der HVB Group, der "Bank der Regionen", und der Münchener-Rück-Gruppe hat auch eine europäische Dimension. Mit der exklusiven Kooperation von ERGO Hestia und PBK/BPH in Polen ist ein erster Schritt in die Zielmärkte getan. Gute Geschäftsmöglichkeiten bieten nach Einschätzung beider Häuser insbesondere das östliche Mitteleuropa und die südeuropäischen EU-Mitgliedstaaten. Möglichkeiten der Zusammenarbeit auf anderen Geschäftsfeldern im In- und Ausland werden in einer Reihe von Projektausschüssen derzeit geprüft und auf den Weg gebracht.
(Es gilt das gesprochene Wort.)