13. Oktober 1998

Referat des Vorstandsvorsitzenden

Bilanzpressekonferenz am 13. Oktober 1998

Sehr geehrte Damen und Herren,

zur heutigen Bilanzpressekonferenz begrüße ich Sie sehr herzlich. Uns freut das große und weiter gestiegene Interesse an unserer Gruppe und ihren Aktivitäten, das Sie auch durch Ihre Teilnahme an unseren Pressegesprächen immer wieder zeigen. Wir haben von jeher den Dialog mit Ihnen und mit der breiten Öffentlichkeit gepflegt. Diesen Weg werden wir weitergehen.

Auf den Versicherungsmärkten wie auch in anderen Wirtschaftszweigen sind in den letzten Jahren die Zyklen immer kürzer und die Veränderungsprozesse immer schneller geworden. Zwei wesentliche Triebfedern hierfür waren die Deregulierung auf vielen Märkten und die immer stärkere Betonung des Shareholder-Value-Gedankens.

Für die Rückversicherer brachten die letzten 5 Jahre eine ganz wesentliche Verbesserung der Ergebnisse bis hin — erstmals nach 20 Jahren — in die Zone versicherungstechnischer Gewinne. Diese Ergebnisverbesserung war auch der Tatsache zu verdanken, daß die zahlreichen Naturkatastrophen die Versicherungswirtschaft zuletzt vergleichsweise glimpflich trafen. Die leichte Verschlechterung der versicherungstechnischen Ergebnisse im Berichtsjahr 1997/98 und im laufenden Geschäftsjahr 1998 läßt schwierigeres Fahrwasser erahnen. Die Gesamtsituation ist derzeit aber immer noch als sehr günstig einzuschätzen.

Die Münchener Rück hat die letzten 5 Jahre genutzt, um durch nach innen und außen gerichtete Maßnahmen ihre Wettbewerbssituation nachhaltig zu verbessern:

  • Im Verhältnis zu unseren Rückversicherungskunden verfolgen wir neue Ansätze. Mit Hilfe weiterentwickelter Instrumente der EDV schöpfen wir die statistischen Möglichkeiten unseres großen Portefeuilles optimal aus. So können wir heute weit differenzierter auf die Bedürfnisse unserer Kunden eingehen, als dies jemals zuvor möglich war. Anhand der fortlaufend aktualisierten Informationen und unter Berücksichtigung der Ertragshaltigkeit der einzelnen Kundenbeziehung ermitteln wir die notwendigen Preise für unsere Produkte. Insbesondere die finanzwirtschaftlichen Lösungen sind auf die Bedürfnisse des einzelnen Kunden zugeschnitten. Dieses Vorgehen ist wesentlich arbeitsintensiver als früher. So haben wir allein in den letzten 2 Jahren die Zahl unserer Mitarbeiter um annähernd 10 % erhöht.
  • Durch den Kauf der American Re 1996 und die Übernahme der Reale Ri, der jetzigen Torino Ri, im laufenden Geschäftsjahr haben wir — abgesehen von der erheblichen Stärkung unserer Position auf den jeweiligen Märkten — die geographische Mischung unseres Rückversicherungsportefeuilles weiter verbessert. Dies ist im Versicherungsgeschäft von besonderer Bedeutung; denn so werden wir von Sonderentwicklungen einzelner Märkte noch unabhängiger. Diesen Weg gehen wir weiter — im eigenen Interesse und in dem unserer Kunden, die ihre Rückversicherer zunehmend nach dem Gesichtspunkt der Security aussuchen.
  • Die Verringerung der Schwankungen unserer Konzernergebnisse und insofern die Verbesserung der Sicherheit der Münchener-Rück-Gruppe gehörten zu den wesentlichen Motiven für die Bildung der ERGO-Versicherungsgruppe. Ohnehin in unserem Bestand befindliche maßgebliche Beteiligungen an erfolgreichen deutschen Erstversicherungsgesellschaften haben wir unter einer Holding zusammengeführt. Unter diesem gemeinsamen Dach haben die traditionsreichen Marken VICTORIA und D.A.S., Hamburg-Mannheimer und DKV nun alle Möglichkeiten, sich positiv weiterzuentwickeln.
  • Gleichzeitig haben wir durch die Bildung der ERGO-Gruppe die Kapitalallokation in unserem Konzern verbessert und die Transparenz erhöht; denn wir haben Anfang des Jahres die ERGO Versicherungsgruppe AG und damit indirekt die in ihr zusammengefaßten großen Versicherungsgesellschaften an der Börse eingeführt. Die Schaffung von soviel Transparenz haben auch die in dieser Hinsicht besonders aufmerksamen Finanzanalysten positiv kommentiert.
  • Nach innen haben wir in den vergangenen 5 Jahren eine Vielzahl von zum Teil weitreichenden Schritten getan. Ihr gemeinsames Ziel war es, die Abläufe effizienter zu machen, gleichzeitig Energie und Kapazität freizusetzen und die Leistungsanreize zu verstärken. Schließlich haben wir auf verschiedene Weise auch die interne Kommunikation verbessert. So können wir Potential, das in den verschiedenen Fachbereichen des Hauses vorhanden ist, nicht nur für spezifische Aufgaben, sondern zum Wohle des ganzen Hauses weltweit nutzen. Wir haben auf dem sicheren Fundament der traditionellen Münchener Rück eine moderne Münchener-Rück-Gruppe geformt. Das ehrwürdige Hauptgebäude hier in der Königinstraße mag die Tradition verkörpern und die Kraft, die aus ihr erwächst. Unser vor etwa zwei Jahren vollendeter Neubau an der Leopoldstraße steht für unsere Fähigkeit zu Innovation und Fortschritt.

Ich komme jetzt zum traditionellen Anlaß unserer Bilanzpressekonferenz: zur Erläuterung unseres Jahresabschlusses 1997/98 und zur Information über das laufende Geschäftsjahr 1998. Zuvor möchte ich der guten Ordnung halber anmerken, daß auf die Veröffentlichung der Tagesordnung zur Hauptversammlung am 5. November keine Opposition angemeldet worden ist.

Nun zum Konzernabschluß. Hier möchte ich mich auf einige Schwerpunkte konzentrieren, da wir Sie mit dem Aktionärsbrief vom 29. Juni bereits ausführlich über unsere vorläufigen Zahlen informiert haben.

Der Konzernabschluß 1997/98 unterscheidet sich wegen der Veränderungen im Konsolidierungskreis deutlich von dem des Vorjahres:

Erstmals beziehen wir die Erträge und Aufwendungen der American Re mit ein, und erstmals sind die Erträge und Aufwendungen der DKV für ein ganzes Jahr enthalten. Erstmals auch kommen infolge der ERGO-Gründung Geschäftszahlen der VICTORIA-Gruppe hinzu, und zwar anteilig für die Monate August bis Dezember 1997

Im wesentlichen auf diese Veränderung zurückzuführen ist die Steigerung der Konzernbeitragseinnahmen um 38 % auf 44, 5 Mrd. DM (i. Vj. 32,2 Mrd.) DM. Ohne die Veränderungen im Konsolidierungskreis wäre der Umsatz immer noch um etwa 8 % gewachsen. Vom Gesamtumsatz unserer Gruppe entfallen rund 56 % auf unsere Rückversicherungsaktivitäten, 44 % und damit 4 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr auf die Erstversicherung.

Die Rückversicherungsgruppe erzielte im Berichtsjahr auf konsolidierter Basis Bruttobeitragseinnahmen von 24,9 Mrd. DM (i. Vj. 19,3 Mrd. DM). Der Zuwachs um rund 29 % ist im wesentlichen der erstmaligen Einbeziehung der American Re in unser Rechenwerk zuzuschreiben; ohne diese Einbeziehung hätte sich immer noch ein wenn auch im wesentlichen wechselkursbedingter Zuwachs um rund 11 % ergeben.

Der Anteil des nordamerikanischen Geschäfts an den Bruttobeiträgen der Rückversicherungsgruppe beträgt jetzt 29 % nach 17 % im Vorjahr, während der Anteil des gesamten europäischen Geschäfts von 68 auf 57 % und der des deutschen Geschäfts von 45 auf 34 % zurückging.

Das mit 1,4 Mrd. DM höchste Beitragswachstum verzeichnet die Feuerrückversicherung, die mit insgesamt 5,2 Mrd. DM nun umsatzstärkster Versicherungszweig der Rückversicherungsgruppe ist. Den relativ stärksten Beitragsanstieg mit 60 % bietet diesmal die Haftpflichtrückversicherung. In der Reihenfolge der größten Rückversicherungszweige fiel Leben mit jetzt 4,2 Mrd. DM auf Rang 3 hinter Kraftfahrt (4,6 Mrd. DM) zurück, da die Einbeziehung der American Re wegen ihres Geschäftsschwerpunkts nur die Nichtlebensversicherungsbereiche verstärkte. Auf die Rückversicherung der Personenversicherungszweige Leben, Unfall und Kranken entfällt rund ein Viertel der Beitragseinnahmen.

Mit dem geographischen und dem Spartenaufbau unseres Portefeuilles sind wir sehr zufrieden. Wer so ausgeglichen strukturiert ist, kann es verantwortungsvoll wagen, bei sich bietenden Gelegenheiten neue Schwerpunkte zu setzen.

Das Ergebnis aus der Rückversicherung hatte sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert; in den letzten 2 Geschäftsjahren haben wir sogar versicherungstechnische Gewinne erwirtschaftet. Aber auch andere große Anbieter hatten gute Ergebnisse, so daß der Wettbewerb enorm zugenommen hat. Vor diesem Hintergrund habe ich Ihnen im vergangenen Jahr schon gesagt, daß eine Verschlechterung des Resultats zu erwarten sei. Trotz unserer unverändert selektiven Übernahmepolitik ergab sich in der Tat nach Verwaltungskosten ein Fehlbetrag von 44 Mio. DM. Wir durchqueren, wenn man das gerade laufende Jahr hinzunimmt, in der Rückversicherung eine weiche Marktphase mit rückläufigen versicherungstechnischen Ergebnissen — doch auf welchem Niveau! Noch vor 3 Jahren war der versicherungstechnische Verlust der Rückversicherungsgruppe mehr als 12mal so hoch, in den Jahren zuvor sogar noch deutlich höher.

Die Hauptgründe für die jetzige Trendwende: Preisreduzierungen und andere Konditionszugeständnisse wegen des verschärften Wettbewerbs. Daneben führten Naturkatastrophen zu erhöhten Schadenbelastungen, die aber — bezogen auf den langjährigen Durchschnitt — immer noch auf verhältnismäßig niedrigem Niveau blieben. Alles in allem also im langjährigen Vergleich erneut ein hervorragendes Versicherungsergebnis, insbesondere in den Sparten Feuer, Transport und Luftfahrt.

Ich komme nun in unserer Gruppe zur Erstversicherung, die aufgrund der erstmals vollen Einbeziehung der DKV und der zeitanteiligen Konsolidierung von VICTORIA und D.A.S. Beitragseinnahmen von 19,6 Mrd. DM verzeichnete; das sind über 50 % mehr als im Vorjahr.

Unsere Erstversicherer trugen mit rund 640 Mio. DM (i. Vj. 545 Mio. DM) in absoluten Zahlen den bisher größten Gewinn zum Gesamtergebnis bei. Unser Geschäftsmix im Konzern trägt so wesentlich zu der Sicherheit bei, die unsere Rückversicherungskunden von uns letztlich kaufen möchten. Dabei ist es wichtig zu wissen, daß unsere Erstversicherer vor allem im Privatkundengeschäft tätig sind und auch im Berichtsjahr in den Sparten Leben, Kranken und Schaden/Unfall verbesserte Ergebnisse vorlegen konnten.

Auf die Kapitalanlagen der Münchener Rück komme ich aus Gründen der Aktualität später noch einmal zurück. Hier nur soviel: An unserem letzten Bilanzstichtag, dem 30. Juni 1998, standen sie im Konzern mit rund 209 Mrd. DM zu Buche; vom Zuwachs um 61 Mrd. Mark entfielen 45 Mrd. DM auf die erstmalige Einbeziehung der VICTORIA-Gruppe. Unsere Bewertungsreserven in Grundbesitz, Dividendenwerten und festverzinslichen Wertpapieren lagen zum Bilanzstichtag bei 82 Mrd. DM, wobei die Münchener-Rück-AG mit ihren Werten zum 30.6.1998 und die Töchter zum 31.12.1997 einzubeziehen waren; wir haben dies am 23. September veröffentlicht und in einem Pressegespräch erläutert.

Nach wie vor größte Kapitalanlageart mit 47 % (i. Vj. 46 %) sind Darlehen. Die zweitgrößte Kapitalanlageart sind Aktien und Investmentzertifikate, die um 4 Prozentpunkte gewachsen sind, mit 23 % aber nicht ganz die Hälfte der Darlehen ausmachen. Der Anstieg erklärt sich nicht zuletzt aus unseren verstärkten Engagements in Investmentzertifikaten, die uns eine größere Flexibilität bei der aktiven Kapitalanlagepolitik bieten.

Die Bilanzposition "Beteiligungen" macht zwar nur 4 % (i. Vj. 5 %) der gesamten Kapitalanlagen aus, enthält aber hohe Bewertungsreserven, da es sich überwiegend um langjährigen Anteilsbesitz handelt. Bei günstigen Gelegenheiten haben wir schon in der Vergangenheit die Chancen zur Realisierung entsprechender Gewinne genutzt. So war es auch im Berichtsjahr, als wir durch den Verkauf unserer indirekten Degussa-Beteiligung einen erheblichen Veräußerungserlös erzielen konnten. Solche Veräußerungserlöse sind bei einem Versicherungsunternehmen — unserer Meinung nach völlig zu Recht — in die Kalkulation des Ergebnisses je Aktie einzubeziehen. Auf dieser Basis beträgt unser Ergebnis je Aktie 19,42 DM nach 15,65 DM im Vorjahr. Dieses Ergebnis hat die DVFA geprüft und bestätigt.

Insgesamt bietet sich damit für das Berichtsjahr 1997/98 folgendes Bild:

Das versicherungstechnische Ergebnis hat sich wegen der rückläufigen Resultate in der Rückversicherung auf 596 Mio. DM vermindert.

Das Ergebnis aus Kapitalanlagen stieg deutlich auf etwa 13,3 Mrd. DM; davon sind in der versicherungstechnischen Rechnung bereits 9,4 Mrd. DM enthalten.

Aus dem Rohüberschuß von rund 3,8 Mrd. DM konnten mit 270 Mio. DM erneut hohe Sonderzuführungen an die Rückstellung für noch nicht abgewickelte Versicherungsfälle, insbesondere in Haftpflicht, vorgenommen werden.

Der Schwankungsrückstellung floß mit knapp 1,3 Mrd. DM erneut ein sehr hoher Betrag zu. Damit stehen als Vorsorge für künftige Ergebnisschwankungen mehr als 6,9 Mrd. DM zur Verfügung, hiervon rund 5,8 Mrd. DM bei der Münchener-Rück-AG — ein eindrucksvoller, aber wegen der Volatilität des Rückversicherungsgeschäft auch notwendiger Betrag.

Der Konzernjahresüberschuß ist wesentlich höher ausgefallen als im Vorjahr: Er nahm um 64 % auf über 1,1 Mrd. DM zu.

Vom Jahresüberschuß der Münchener-Rück-AG in Höhe von 303 Mio. DM haben wir 150 Mio. DM in die Gewinnrücklagen eingestellt. Der verbleibende Bilanzgewinn von 153 Mio. DM soll die Ausschüttung einer von 1,70 auf 1,80 DM erhöhten Dividende ermöglichen. Dies ist dann die sechste Dividendenerhöhung in Folge. Damit haben wir die Dividendensumme seit 1992 um 127 % gesteigert. Einschließlich der Körperschaftsteuergutschrift erhält jeder Aktionär also 2,57 (i. Vj. 2,43) DM je Aktie ausgezahlt.

Ich komme nun zum laufenden Geschäftsjahr 1998, das wir ja erstmals auch für die Münchener-Rück-AG zum 31. Dezember abschließen werden. Zweite Besonderheit: Wir werden die Erträge und Aufwendungen der VICTORIA-Gruppe erstmals vollständig einbeziehen; in das Berichtsjahr 1997/98 waren sie nur anteilig mit 5 von 12 Monaten eingegangen.

Vorab noch eine Zwischenbemerkung: Die Änderung unseres Bilanzstichtags bewirkt künftig auch eine andere Zwischenberichterstattung. Während wir in unserem letzten aktienrechtlichen Zwischenabschluß Ende Juni über das fast abgelaufene Geschäftsjahr berichtet haben, werden wir im September 1999 über die Geschäftsentwicklung der ersten 6 Monate des Geschäftsjahres berichten. Was sich hier so leicht sagen läßt, bringt für die Rückversicherer erhebliche Anstrengungen insbesondere in der Absicherung der notwendigen Schätzungen mit sich. Diese Anstrengungen nehmen wir aber in Kauf, um für den Kapitalmarkt einen weiteren Schritt hin zu mehr Transparenz zu tun. Hierhin gehört auch die bereits früher gemachte Ankündigung, unseren Konzernabschluß 1999 nach internationalen Rechnungslegungsstandards aufzustellen — den sogenannten "IAS".

Nun konkret zurück zum laufenden Rumpfgeschäftsjahr 1998, in dem wir — bei unveränderten Wechselkursen — einen Konzernumsatz von 50 Mrd. DM erwarten, etwa je zur Hälfte von Rückversicherern und Erstversicherern erwirtschaftet. Die rund 12%ige Steigerung geht im wesentlichen auf die erstmals vollständige Einbeziehung der VICTORIA-Gruppe zurück. In der Rückversicherung rechnen wir allenfalls mit einem leichten Anstieg der Beitragseinnahmen auf gut 25 Mrd. DM. Bei dieser Beitragsprognose berücksichtigen wir die derzeit schwierigen Wettbewerbsverhältnisse; sie lassen uns aber von unserem Ziel, ertragshaltiges Geschäft zu zeichnen, und auch von unseren bewährten Underwritinggrundsätzen nicht abweichen.

Die Münchener-Rück-AG wird ihren Umsatz in der Risikoperiode 1998 in etwa halten. Im Inlandsgeschäft werden wir unseren Marktanteil erfolgreich verteidigen können, auch wenn unsere Beitragseinnahmen hier rückläufig sein dürften, insbesondere in der Kraftfahrt- und in der Industriefeuerversicherung. Im Ausland rechnen wir mit weiterem erfreulichen Beitragszuwachs, insbesondere in der Rückversicherung der Sparten Leben, Landwirtschaft und Feuer.

Der Schadenverlauf war 1998 bisher ungünstiger als im Vorjahr. Die Belastungen aus Naturkatastrophen haben sich erhöht. Hier sind mehrere Eisstürme und Wirbelstürme zu nennen. Wegen der aktuellen und grundsätzlichen Bedeutung des Sturmrisikos haben wir im Anschluß an meinen Bericht einen kurzen Beitrag zu dieser Thematik vorgesehen. Die weiträumigen Überschwemmungen in China fanden zwar wochenlang ihre Resonanz in den Medien, sie treffen uns aber wegen der dort noch geringen Privatversicherungsdichte praktisch nicht. Anders ist dies mit Großschäden in Feuer, Technik, aber auch Raumfahrt; in diesen Sparten sind die Belastungen für unsere Gewinn- und Verlustrechnung deutlich gestiegen. Dies trifft insbesondere für die Raumfahrtversicherung zu, die gerade in den letzten Monaten eine Serie von hohen Schäden zu verzeichnen hatte.

Beim Ergebnis aus Kapitalanlagen der Münchener-Rück-AG fehlt wegen des Rumpfgeschäftsjahres ein Teil der laufenden Erträge. Dennoch sollten wir in der Lage sein, an die guten Ergebnisse der Vorjahre anzuknüpfen: Hierzu tragen u. a. die Veräußerungsgewinne bei, die wir beim Verkauf unseres Mercury-Asset-Management-Anteils an Merrill Lynch und von AMB-Aktien an Generali realisieren konnten. Die Prognose eines angemessenen Jahresüberschusses auch für das Rumpfgeschäftsjahr setzt allerdings voraus, daß der weitere Schadenverlauf in der Risikoperiode 1998 und die Entwicklung der Kapitalmärkte keinen negativen Überraschungen bringen. Der Erlös aus dem Verkauf unserer BHF-Bank-Anteile an die niederländische ING-Gruppe sollte wegen der noch ausstehenden kartellrechtlichen Genehmigung das Geschäftsjahr 1999 betreffen.

Betrachte ich die gesamte Rückversicherungsgruppe, so entspricht der Geschäftsverlauf 1998 bisher unseren Erwartungen.

Unsere größte Rückversicherungstochter, die American Re-Insurance Company, hat im ersten Halbjahr 1998 einen Umsatz gemeldet, der zwar um 6,8 % auf 1,57 Mrd. US$ gesunken ist; doch steht hinter diesem Rückgang hauptsächlich das Festhalten an einer ertragsorientierten Geschäftspolitik, derentwegen einige Verträge nicht bzw. nicht im bisherigen Umfang fortgesetzt wurden. Sehr erfreulich ist, daß sich das Ergebnis der American Re im ersten Halbjahr um über 70 % auf 147 Mio. US$ verbessert hat; dabei muß man fairerweise sagen, daß das erste Halbjahr 1997 mit fusionsbedingten Einmalkosten belastet war.

Bei den Erstversicherern der Münchener-Rück-Gruppe gestaltete sich das Geschäft in den ersten 6 Monaten 1998 sehr zufriedenstellend. Während die Branche in der Schaden- und Unfallversicherung etwa 2  % Beitragsrückgang meldet, sind die Umsätze unserer Gesellschaften hier leicht gestiegen. In der Lebensversicherung wurde ein erfreulicher Zuwachs bei Neugeschäft und Beitragseinnahme erzielt. Auch in der Krankenversicherung verlief das Neugeschäft lebhaft, so daß der Umsatz deutlich über dem Vorjahresniveau liegt.

In unserem Konzernabschluß 1998 werden die Beitragseinnahmen aus der Erstversicherung noch wesentlich stärker ansteigen. Wir erwarten eine Erhöhung um über ein Viertel auf rund 25 Mrd. DM wegen der erstmals vollständigen Einbeziehung der VICTORIA-Gruppe. Dies wird auch zu einer weiteren Verbesserung der Struktur unserer Beitragseinnahmen in der Erstversicherung führen.

Denn der bisher mit 21 % relativ geringe Anteil der Schaden- und Unfallversicherung wird sich deutlich auf 28 % erhöhen, während die Anteile der Lebensversicherer von 49 auf 45 % und der Krankenversicherer von 30 auf 27 % zurückgehen. Die besondere Kraft unserer Erstversicherungsgruppe liegt darin, daß ihr sehr wachstumsträchtiges Personenversicherungsgeschäft in den Sparten Leben, Kranken und Unfall zusammen rund 80 % der Beitragseinnahmen ausmacht.

Auf der Ergebnisseite der Erstversicherung bisher nur Positives: Wir erwarten einen höheren versicherungstechnischen Gewinn, da sich der Anstieg der Gesundheitskosten in der Krankenversicherung verlangsamt und die Schadensituation in Schaden- und Unfallversicherung weiter verbessert. Auch das Kapitalanlagenergebnis der Erstversicherer wird voraussichtlich besser ausfallen als im Vorjahr, sofern nicht noch besonders ungünstige Entwicklungen eintreten.

Zusammenfassend kann ich Ihnen aus heutiger Sicht für den Konzern wiederum ein sehr gutes Ergebnis für das Kalenderjahr 1998 in Aussicht stellen. Nach derzeitigem Kenntnisstand sollte es durchaus das Niveau von 1997/98 erreichen — trotz des Rumpfgeschäftsjahres der Münchener-Rück-AG. Natürlich steht all dies wie immer unter dem Vorbehalt, daß wir im weiteren Verlauf des Geschäftsjahres von außergewöhnlichen Belastungen verschont bleiben.

Hier möchte ich aus aktueller Sicht noch kurz die Situation auf den Kapitalmärkten und deren Auswirkungen auf die Münchener-Rück-Gruppe ansprechen. Zunächst: Derivative Finanzprodukte setzen wir weiterhin nur in begrenztem Umfang ein, und dies vor allem zur Umsetzung von Kauf- und Verkaufsabsichten sowie zur Absicherung von Teilbeständen. Sie sind also bei uns kein selbständiges Instrument der Ergebniserzielung.

Der große Wettbewerbsdruck, dem in- und ausländische Kapitalanleger ausgesetzt sind, fördert die Phantasie — allerdings nicht immer mit nur positiven Folgen. So wurden Kapitalanlageinstrumente entwickelt, die — als Hedgefonds apostrophiert — z. T. riskante Konstruktionen sind. Bei der einen oder anderen Länderkrise sind einzelne Hedgefonds in größte Schwierigkeiten geraten. An diesen Fonds ist die Münchener Rück nicht beteiligt.

Wegen des hohen Auslandsanteils in unserem Rückversicherungsgeschäft sind unsere Kapitalanlagen international diversifiziert. Im Berichtsjahr hat sich vor allem unser Engagement in den USA, in Kanada und in Großbritannien erhöht. 14 % unserer Kapitalanlagen entfallen mittlerweile auf diesen Bereich. Generell streben wir an, daß unsere Fremdwährungsverpflichtungen durch Kapitalanlagen in entsprechender Währung kongruent bedeckt sind. Dies geht aus den unterschiedlichsten Gründen natürlich nicht auf allen rund 160 Märkten, auf denen wir Rückversicherungsschutz anbieten. Ein Beispiel: Da viele asiatische Währungen bisher eng an den US-Dollar gebunden waren, haben wir unsere Verpflichtungen in diesen Währungen schon seit langem durch Anlagen auf dem US-Kapitalmarkt bedeckt, zumal dieser wesentlich bessere Anlagemöglichkeiten bietet. Aus diesem Grund hat uns die Krise in Asien insoweit kaum betroffen.

Abschließend noch ein Wort zur MUNICH ERGO Asset Management Gesellschaft. Unter diesem Arbeitstitel planen die Münchener Rück und die ERGO-Versicherungsgruppe bekanntlich, ihre Kapitalanlagen künftig gemeinsam verwalten zu lassen. Seit der ersten Bekanntgabe wird in verschiedenen Arbeitsgruppen das Feinkonzept für den Aufbau und für das Zusammenwirken dieser Asset-Management-Gesellschaft mit den Versicherungsunternehmen entwickelt, die auch weiterhin für ihre Kapitalanlagestrategie eigenverantwortlich bleiben. Die Umstellung des bisher dezentralen auf ein zentrales Asset Management wird sich daher sicherlich noch einige Zeit hinziehen.

Auf diesem Gebiet ebenso wie bei der Ihnen bekannten Aktienstrukturreform oder der Verstärkung unserer Rückversicherungsgruppe um die Reale Ri, die jetzige Torino Ri, sehen Sie unser großes Engagement, den Münchener-Rück-Konzern voranzubringen. Wir orientieren uns dabei sowohl an den Interessen unserer Kunden als auch an denen unserer Aktionäre. Natürlich können wir nicht immer so außerordentlich hohe Renditen bieten wie bei dem Anfang des Jahres mit einem Wertzuwachs um 500 % ausgelaufenen Optionsschein. Generell fühlen wir uns aber aufgrund der strategischen Weichenstellungen der letzten Jahre gut gerüstet für die sicherlich nicht einfacher werdende Zukunft.

(Es gilt das gesprochene Wort.)