29. Juni 1998

Aktionärsbrief

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Geschäftsjahr 1997/98, das am 30. Juni 1998 endet, war für die Münchener-Rück-Gruppe erneut sehr erfolgreich. Wir konnten Umsatz und Konzernergebnis weiter deutlich erhöhen.

Überdurchschnittliche Wertentwicklung

Der Kurs der Münchener-Rück-Namensaktie ist im Berichtsjahr wiederum gestiegen. Mit mehr als 60 % war der Zuwachs deutlich höher als beim Deutschen Aktienindex (DAX) und beim Versicherungsindex. Ausländische Kapitalanleger sind unverändert bestrebt, sich in Europa zu positionieren. Die Münchener Rück als internationaler Anlagewert ist dabei sehr gefragt. Wir sehen dies auch daran, daß das Interesse von Finanzanalysten und Fondsmanagern an unserer Aktie erheblich zugenommen hat. Die Zahl unserer Aktionäre hat sich im Berichtsjahr - auch als Folge des Aktiensplits vom August 1997 - um 68 % auf rund 21.000 erhöht

Optionsscheine großer Erfolg

Am 14. März 1998 lief die Ausübungsfrist für die Münchener-Rück-Optionsscheine ab, die wir im Frühjahr 1994 im Rahmen einer Kapitalerhöhung ausgegeben hatten. Nur bei 64 von insgesamt 850.000 ausgegebenen Optionsscheinen wurde die Option nicht ausgeübt. Aus den Optionsausübungen flossen uns etwa DM 527 Millionen zu.

Die Münchener-Rück-Optionsscheine - eine Innovation auf dem deutschen Kapitalmarkt - nahmen eine hervorragende Entwicklung: Sie brachten in vier Jahren eine Rendite von rund 500 %. Diese außergewöhnliche Wertsteigerung resultiert natürlich maßgeblich aus dem positiven Verlauf der deutschen Börse; sie spiegelt aber auch den Unternehmenserfolg wider. Wir freuen uns, daß unsere Aktionäre an diesem Erfolg in so hohem Maß teilhatten.

Erfreulicher Geschäftsverlauf

Der Konzernabschluß 1997/98 wird sich deutlich von dem des Vorjahres unterscheiden. Die Erträge und Aufwendungen der American Re sind erstmals, die der DKV jetzt für ein ganzes Jahr enthalten. Hinzu kommen schließlich infolge der ERGO-Gründung die Erträge und Aufwendungen der VICTORIA-Gruppe, und zwar anteilig für die Monate August bis Dezember 1997.

Diese Veränderungen im Konsolidierungskreis tragen wesentlich zu dem Umsatzsprung um 38 % auf DM 44,4 Milliarden bei. Ohne sie wären die Beiträge um etwa 6 % gestiegen. Rund 56 % des Umsatzes stammen von den Rückversicherern, 44 % von den Erstversicherern. Gegenüber dem Vorjahr hat sich hier also eine weitere Verschiebung zugunsten der Erstversicherer ergeben. Wenn wir zum nächsten Bilanzstichtag, dem 31. Dezember 1998, die VICTORIA-Gruppe vollständig einbeziehen, wird der Konzernumsatz etwa je zur Hälfte auf Erst- und Rückversicherer entfallen.

Der Konzernjahresüberschuß wird wesentlich höher sein als im Vorjahr. Wir erwarten einen Gewinn von über DM 1,1 Milliarden (699 Millionen). Das ist eine Steigerung von 65 % (17,5 %), die insbesondere aus der erstmaligen Einbeziehung des Ergebnisses der American Re und der zeitanteiligen Erstkonsolidierung der VICTORIA-Gruppe resultiert.

Als Ergebnis je Aktie à DM 5 (ermittelt nach dem DVFA/ GDV-Schema) rechnen wir mit einem Betrag von rund DM 16,00 (15,65). Daß sich die Verbesserung des Gesamtergebnisses in dieser Kennzahl nicht niederschlägt, liegt an der Berechnungssystematik: Der Gewinn aus dem Verkauf der GFC (Degussa-Anteile) ist ergebnismindernd zu bereinigen.

Angesichts der erfreulichen Ergebnisentwicklung hatten wir Ihnen in der letzten Hauptversammlung bereits eine weitere Dividendenerhöhung in Aussicht gestellt. Aufsichtsrat und Vorstand werden der nächsten Hauptversammlung vorschlagen, die Dividende um DM 0,10 je Aktie auf DM 1,80 je Aktie anzuheben. Zudem wird auch in diesem Jahr eine angemessene Erhöhung der Rücklagen aus dem Jahresergebnis möglich sein.

Rückversicherung

In der Rückversicherung sind wir mit dem Ergebnis des Jahres 1997 insgesamt zufrieden, auch wenn die Rahmenbedingungen sich verschlechtert haben: So hat der Wettbewerb unter den Erstversicherern zugenommen, die Originalraten sind weiter gesunken. Dies schlägt sich vor allem in der proportionalen Rückversicherung beitragsmindernd nieder. Der Konzentrationsprozeß in der Erstversicherung und deutliche Selbstbehaltserhöhungen der Zedenten, die nach einigen sehr guten Geschäftsjahren höhere Risikoanteile selbst tragen, verminderten zudem das Geschäftsvolumen, das in Rückversicherung gegeben wird.

Der nachlassenden Nachfrage nach Rückversicherungsschutz steht ein gestiegenes Angebot gegenüber. In nahezu allen Bereichen sind mehr als ausreichende Kapazitäten auf den Rückversicherungsmärkten verfügbar. Das hatte weitere zum Teil deutliche Preisreduzierungen und auch Bedingungsverschlechterungen zur Folge.

Diesen Marktentwicklungen konnten wir uns nicht entziehen; wir haben allerdings flexibel darauf reagiert. Auf vielen wichtigen Märkten haben wir unsere Marktposition nicht nur halten, sondern sogar noch ausbauen können. Im Bereich neuer Formen der Risikodeckung haben wir uns weiter engagiert; neben der Fortentwicklung der Finanzrückversicherung geschah dies auch beim Transfer von Naturkatastrophenrisiken in den Kapitalmarkt.

Die Rückversicherungsgruppe erzielte auf konsolidierter Basis Bruttobeitragseinnahmen von DM 24,8 (19,3) Milliarden. Das entspricht einem Zuwachs um rund 28 %, der wesentlich durch den veränderten Konsolidierungskreis bedingt ist. Ohne diese Änderungen hätte sich eine Steigerung um rund 9 % ergeben, die allerdings zu einem erheblichen Teil auf Wechselkursänderungen beruht.

Die regionale Verteilung unseres Rückversicherungsgeschäfts ist aufgrund des Erwerbs der American Re ausgeglichener geworden. Der Anteil des nordamerikanischen Geschäfts an den Bruttobeiträgen der Rückversicherungsgruppe ist auf 28 % (17 %) gestiegen. Demgegenüber ging der Anteil des europäischen Geschäfts auf 57 % (69 %) zurück; davon entfallen 34 (45) Prozentpunkte auf Deutschland.

Die Umsatzentwicklung in den einzelnen Versicherungszweigen wurde ebenfalls wesentlich durch die erstmalige Einbeziehung der American Re geprägt. Vor allem die Beitragseinnahmen in Feuer, Kraftfahrt, Haftpflicht und Unfall stiegen dadurch deutlich. Die Struktur unseres Portefeuilles ist weiterhin ausgewogen; auf Leben und Unfall/Kranken entfallen zusammen rund ein Viertel der Beitragseinnahmen, auf Feuer 21 % und auf Kraftfahrt 19 %.

Der rückgedeckte Bestand an Lebensversicherungen beträgt zum Ende des Berichtsjahres rund DM 613 (512) Milliarden.

Wir konnten in den letzten Jahren das Ergebnis aus der Rückversicherung kontinuierlich verbessern und schließlich sogar versicherungstechnische Gewinne erzielen. Im Berichtsjahr war trotz unverändert selektiver Übernahmepolitik eine Verschlechterung dieses Resultats nicht zu verhindern. Wir werden einen Fehlbetrag von rund DM 50 (+231) Millionen ausweisen.

In dieser Entwicklung schlagen sich vor allem die Preisreduzierungen und andere Konditionszugeständnisse wegen des verschärften Wettbewerbs nieder. Daneben verzeichneten wir etwas erhöhte - im langjährigen Durchschnitt insgesamt aber wiederum verhältnismäßig niedrige - Schadenbelastungen aus Naturkatastrophen.

Die versicherungstechnischen Ergebnisse in den einzelnen Rückversicherungszweigen entwickelten sich unterschiedlich.

In der Feuerversicherung konnten wir den bereits erfreulichen Überschuß des Vorjahres nochmals steigern. In Transport, Luftfahrt und Raumfahrt rechnen wir ebenfalls mit einem erhöhten Gewinn. Eine erhebliche Ergebnisverschlechterung verzeichnen wir demgegenüber in Unfall/Kranken. Der Fehlbetrag in der Haftpflichtversicherung ist nach dem spürbaren Rückgang im Vorjahr wieder gestiegen. Die Technischen Versicherungen weisen nach dem erfreulichen Vorjahresgewinn nur noch ein ausgeglichenes Resultat aus.

Erstversicherung

Ein wesentlicher Teil unserer Strategie war und ist es, auch in der Erstversicherung fest verankert zu sein. Wir schaffen so eine Balance zwischen dem schwankungsanfälligen Rückversicherungsgeschäft und dem stabileren Privatkundengeschäft, dem Haupttätigkeitsfeld unserer Erstversicherungsgesellschaften.

Durch den Zusammenschluß von VICTORIA, Hamburg-Mannheimer, DKV und D.A.S. zur ERGO Versicherungsgruppe per 1. August 1997 haben wir im Berichtsjahr die Weichen für die weitere positive Entwicklung unserer Erstversicherungsinteressen gestellt. Mit dem Ablauf der Verschmelzung, dem bisher erreichten Stand der Integration und der externen und internen Akzeptanz sind wir sehr zufrieden; das unternehmerische Konzept wurde offensichtlich den Erwartungen von Aktionären, Kunden, Mitarbeitern, Analysten und Medien gerecht.

Für den Verlauf unseres Erstversicherungsgeschäfts ist die Entwicklung vor allem in der deutschen Versicherungswirtschaft entscheidend. Die Konzentration nimmt zu, der Wettbewerbsdruck ist infolge der Deregulierung weiter gestiegen. Die Vielfalt der Produkte hat zugenommen. In einigen Versicherungszweigen ist ein harter Preiskampf um die Kunden entbrannt - dies gilt insbesondere in der Kraftfahrtversicherung und in den industriellen Versicherungszweigen, vor allem Feuer. Hinzu kommt ein weiterhin schwieriges gesamtwirtschaftliches Umfeld. Die Stagnation der Realeinkommen dämpft die Nachfrage der privaten Haushalte nach zusätzlichem Versicherungsschutz

Vor diesem Hintergrund sind wir mit der Entwicklung unserer Erstversicherungsgesellschaften durchaus zufrieden. Diese haben ihren Schwerpunkt in der Lebens- und der Krankenversicherung und damit in Geschäftsfeldern, die nach unserer Einschätzung besonders zukunftsträchtig sind.

Unsere Erstversicherer erwirtschafteten einen Umsatz von DM 19,6 (12,9) Milliarden; das sind - bedingt durch die Änderungen im Konsolidierungskreis - 52 % mehr als im Vorjahr. Ohne diese Änderungen hätte sich ein Zuwachs von etwas mehr als 2 % ergeben.

Umsatzstärkster Versicherungszweig ist mit einem Anteil von 49 % (60 %) unverändert die Lebensversicherung. Der Anteil der Krankenversicherung an den Bruttobeiträgen hat sich durch die erstmals volle Einbeziehung der DKV auf 30 % (18 %) stark erhöht. Auf die Schaden-/Unfallversicherung entfällt bei deutlich gestiegenem Umsatz ein Anteil von 21 % (22 %).

Der Bestand an Lebensversicherungen aus dem selbst abgeschlossenen Geschäft belief sich zum Ende des Berichtsjahres auf rund DM 330 (233) Milliarden.

Das versicherungstechnische Ergebnis der Erstversicherer hat sich weiter verbessert; der Überschuß stieg auf DM 655 (545) Millionen. Darin spiegelt sich vor allem die erstmals volle Einbeziehung der DKV sowie die zeitanteilige Konsolidierung der VICTORIA-Gruppe wider.

Kapitalanlagen

Der Trend zu niedrigeren Zinsen setzte sich zu Beginn des Geschäftsjahres zunächst fort. Das führte im Januar 1998 auf den wichtigsten Kapitalmärkten zu historischen Tiefständen. Seitdem ist in den USA und in Europa eine Seitwärtsbewegung zu beobachten. Auf die Einführung des Euro mit elf Teilnehmerstaaten haben die Kapitalmärkte in Europa positiv reagiert; die Zinskonvergenz ist weitgehend abgeschlossen.

Vor diesem Hintergrund haben sich die Aktienmärkte in Europa, insbesondere in den südeuropäischen Staaten, hervorragend entwickelt; seit Beginn des Jahres 1998 wurden zum Teil Wertzuwachsraten von 40 % und mehr erreicht. Auch in den USA hielt die Aufwärtstendenz bei den Aktien an. Problematisch ist die Lage dagegen weiterhin auf den meisten Kapitalmärkten in Asien; eine Entspannung ist kurzfristig nicht abzusehen

Von den Unsicherheiten in Asien profitierten amerikanische und europäische Staatsanleihen; hier rückte die Qualität als Maßstab in den Vordergrund.

Die Kapitalanlagen im Konzern erhöhten sich im Berichtsjahr deutlich. Sie stiegen um über DM 60 Milliarden auf rund DM 209 Milliarden. Dieser Sprung resultiert hauptsächlich aus der erstmaligen Einbeziehung der Kapitalanlagen der VICTORIA-Gruppe.

Die Struktur der Kapitalanlagen hat sich dadurch nicht unwesentlich verändert. Der Anteil von Aktien und Investmentzertifikaten nahm um 4 Prozentpunkte auf 23 % zu; der weitaus größte Teil entfällt mit 47 % aber weiterhin auf Darlehen.

Die Entwicklung der Erträge und Aufwendungen aus Kapitalanlagen ist ebenfalls durch die Veränderungen des Konsolidierungskreises geprägt.

Ein weiterer Sonderfaktor ist der Verkauf der GFC Gesellschaft für Chemiewerte mbH. Die Turbulenzen auf den asiatischen Kapitalmärkten belasten uns nicht nennenswert.

Der Überschuß aus den Kapitalanlagen beläuft sich auf mehr als DM 13 (9,4) Milliarden. Davon sind - soweit sie auf die Lebens- und die Krankenversicherung entfallen - entsprechend den Rechnungslegungsvorschriften rund DM 9,3 Milliarden im versicherungstechnischen Ergebnis erfaßt.

Reserven erneut kräftig verstärkt

Den Schwankungsrückstellungen werden wir für das Berichtsjahr mit DM 1,3 (1,2) Milliarden erneut einen sehr hohen Betrag zuführen. Als Vorsorge für künftige Ergebnisschwankungen stehen nun mehr als DM 6,9 Milliarden zur Verfügung. Davon entfallen rund DM 5,8 Milliarden auf die Münchener-Rück-AG - ein eindrucksvoller, aber wegen der Volatilität des Rückversicherungsgeschäfts auch notwendiger Betrag

Zudem werden mit DM 270 (200) Millionen erneut hohe Sonderzuführungen an die Rückstellung für noch nicht abgewickelte Versicherungsfälle insbesondere in Haftpflicht vorgenommen.

Unsere Mitarbeiter

Die Zahl der Mitarbeiter ist weiter gestiegen: Im Geschäftsjahr 1997/98 beschäftigten die in den Konzernabschluß einbezogenen Unternehmen durchschnittlich 23.948 (18.021) Mitarbeiter; davon entfallen 4.307 Mitarbeiter auf die Rückversicherer und 19.641 Mitarbeiter auf die Erstversicherer.

Hauptversammlung

Der Jahresabschluß 1997/98 der Münchener-Rück-AG wird in der Bilanzaufsichtsratssitzung am 23. September 1998 beraten und festgestellt werden; gleichzeitig wird dann auch der Konzernabschluß vorgelegt. Danach berichten wir Ihnen wieder.

Die Hauptversammlung findet am 5. November 1998 statt.

Mit freundlichen Grüßen

Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft

München, den 29. Juni 1998