Das Erdbeben von 1906 und Hurrikan Katrina

Parallelen und Unterschiede Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft

Das Erdbeben von San Francisco mit den nachfolgenden Bränden und den notwendigen Gebäudesprengungen war für die Versicherungswirtschaft eine der ersten großen Katastrophen. Damals wurde ungefähr ein Fünftel der Stadt zerstört, was etwa 80 % der dort konzentrierten Sachwerte entsprach. Der Gesamtschaden belief sich nach damaligem Wert auf schätzungsweise über 500 Mio. US$, davon waren rund 180 Mio. US$ versichert. Mehrere Versicherer konnten ihrer Leistungspflicht gegenüber den Kunden nicht nachkommen. Die Schadenzahlungen der Münchener Rück entsprachen etwa 13 % ihrer jährlichen Nettoprämieneinnahmen. 99 Jahre später entwickelte sich der Hurrikan Katrina in den USA zur größten Naturkatastrophe seit dem Erdbeben von 1906.

Katrina trat am 29. August 2005 südlich von Buras, Louisiana, an der amerikanischen Golfküste auf das Festland über. Der durch Katrina verursachte volkswirtschaftliche Schaden wird derzeit auf insgesamt rund 125 Mrd. US$ geschätzt. Hiervon wird die private Versicherungswirtschaft mit 45 Mrd. US$ belastet. In den ersten Tagen nach dem Ereignis wurden dessen volles Ausmaß und die Dimension der Schäden — sowohl der versicherten als auch der unversicherten — erheblich unterschätzt. In der Folge wurden viele Fragen zum Thema Risikoeinschätzung aufgeworfen. War Katrina ein Einzelfall oder lassen sich hieraus allgemeine Lehren für Großkatastrophen ziehen? Der diesjährige hundertste Jahrestag des Erdbebens von San Francisco vom 18. April 1906 und die Prognose, dass es im Ballungsraum San Francisco in den nächsten 30 Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 % zu einem weiteren starken Beben kommen wird (WGCEP 2003), sind Anlass genug, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Der Gesamtschaden durch Katrina beträgt ca. 1 % des amerikanischen BIP, die Versicherungsschäden entsprechen etwa 10 % der gebuchten Jahresprämien in der Schadenversicherung auf dem US-Markt. Zum Vergleich: Das Erdbeben von San Francisco 1906 verursachte Schäden in Höhe von 1,8 % des BIP. Ein Vergleich der Versicherungsschäden ist nicht möglich, da für die gebuchten Beiträge keine Marktzahlen vorliegen.

Zwischen dem Hurrikan Katrina und dem Erdbeben von 1906 kann man mehrere Parallelen ziehen. Aber es gibt auch Unterschiede. Verschiedene Faktoren, welche die Schäden durch Katrina vervielfacht haben, könnten sich auch nach einem starken Erdbeben in der Bucht von San Francisco auswirken:

Feuer nach Erdbeben

Diese Folgegefahr könnte sich ähnlich verheerend auswirken wie die von Katrina ausgelöste Sturmflut. Obwohl das Feuerrisiko weniger groß ist als 1906, geht von Bränden unter ungünstigen Umständen nach wie vor eine erhebliche Gefahr aus. Für die Assekuranz kommt erschwerend hinzu, dass die Feuerexponierung sechs bis sieben Mal größer ist als die Erdbebenexponierung, da Versicherungen gegen Erdbeben im Markt nur eine geringe Rolle spielen.

Hohe Nachfrage und Schadenbearbeitung

Das Schadenausmaß nach einem Erdbeben in San Francisco überstiege vermutlich die Schäden durch Katrina. Ereignisse dieser Größenordnung lösen zwangsläufig eine Inflation der Reparaturkosten aus, und allein die Masse der geltend gemachten Schäden führt bei der Schadenbearbeitung zu Problemen. Sturm- von Wasserschäden zu trennen, bildete nach Katrina eine echte Herausforderung. Bei einem zukünftigen Beben in San Francisco gäbe es die gleiche Problematik bei Erdbeben- und Feuerschäden.

Schlüsselindustrien

Bei Katrina war die Ölindustrie stark betroffen. Nach einem Erdbeben in San Francisco wäre es die Softwarebranche. Der Tourismus ist für San Francisco ebenso wichtig wie für New Orleans, so dass nach einem Erdbeben auch hier erhebliche Einbußen zu erwarten wären.

Wirtschaftliche Schäden

Die Verkehrs- und Versorgungssysteme in der Bucht von San Francisco sind hoch exponiert. Die Präventionsmaßnahmen sind zwar eindeutig besser als in New Orleans, allerdings bedeutet dies nicht, dass das Wirtschaftsleben nicht erheblich gestört würde — mit entsprechenden Auswirkungen von Betriebsunterbrechungsschäden auf die Assekuranz.

Um das Risiko großer Naturkatastrophen wie Katrina oder eines zukünftigen Erdbebens in San Francisco in den Griff zu bekommen, müssen alle Interessengruppen zusammen arbeiten, um das Risiko gemeinsam zu tragen. Im Sinne einer Risikopartnerschaft sollten die Aufgaben für alle Beteiligten — Bürger, Versicherungsbranche sowie Regierungen auf kommunaler, einzelstaatlicher und Bundesebene — im Voraus genau festgelegt werden, um auf den Katastrophenfall vorbereitet zu sein und entsprechend reagieren zu können. Es ist keine Frage, ob sich das Erdbeben von 1906 wiederholen wird, sondern wann es geschieht. Dabei ist es im Interesse aller, dafür zu sorgen, dass Kalifornien bestmöglich auf den Katastrophenfall vorbereitet ist.