San Francisco nach dem großen Beben

Drei Tage nach dem Beben erlischt das Feuer. Schnell versuchen die Menschen, Normalität in das Chaos zu bringen. Die Stadt befindet sich in einer schwierigen Lage; der Ruf San Franciscos steht auf dem Spiel. Die Stadt muss künftig besser vor Erdbebenkatastrophen geschützt werden. Andererseits drängt die Zeit, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Die Tage danach

Samstag, 21. April 1906: Das Feuer ist besiegt. Vereinzelt steigen noch kleine Rauchschwaden aus den Trümmerhaufen auf. Lange Tische stehen auf den bereits geräumten Straßen. Die Bürger, die alles verloren haben, erhalten hier kostenlos ihre Mahlzeiten. Einige Familien bauen sich kleine Küchen auf der Straße auf, um sich selbst zu versorgen. Restaurantbesitzer spannen Zeltplanen über die restlichen Mauern ihrer Lokale und bieten ihre Gerichte zu einem Bruchteil des üblichen Preises an. Keiner der 400.000 Einwohner soll Hunger leiden.

Auf Grünflächen und in Parks entstehen riesige Zeltlager. 225.000 Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, finden hier eine Bleibe. Die Hilfstruppen legen Wasserleitungen in die Camps und errichten Latrinen und Badehäuser. Nach und nach ersetzt man die Armeezelte durch knapp 6.000 grüne Holzhäuschen. Aus den Zeltlagern entwickeln sich kleine Städte mit einer eigenen Verwaltung. Auch Jahre nach dem Beben leben hier noch viele Menschen.

Der Brief- und Geldverkehr läuft wieder an

Bereits unmittelbar nach der Katastrophe setzen die Einwohner alles daran, die Infrastruktur der Stadt wieder aufzubauen. Schon nach zwei Tagen sitzen die Postbeamten des Hautpostamts wieder an ihren Schaltern. Die Telegrafenleitungen sind zwar noch tot, dafür liefern Kuriere die Telegramme innerhalb der Stadt aus. Sogar in den Obdachlosenlagern werden eigene Postfilialen eröffnet. Die Einwohner brechen in regelrechten Jubel aus, denn all dies ist ein erstes Zeichen dafür, dass die Normalität zurückkehrt. Als die Postbeamten die erste Ladung Briefe abholen, stehen sie vor einem Berg adressierter Pappstücke, Zeitungsblätter, Buchseiten und Holzbrettchen. Alles wird zugestellt, egal ob frankiert oder nicht.

Auch die Banken bemühen sich, den Geldverkehr schnell und unbürokratisch wieder in Gang zu setzen. Jeder Kunde, der Geld braucht, erhält Berechtigungsscheine, die das Münzamt gegen Goldmünzen eintauscht, die zu dieser Zeit neben dem Dollar noch als Zahlungsmittel akzeptiert werden.

Bangen um die Zukunft

Auf den ersten Blick scheint sich die Lage schnell zu normalisieren. Aber San Francisco steht vor der größten Herausforderung seiner Geschichte. Denn große Zweifel werden wach, ob die Stadt wieder so attraktiv sein wird wie vor dem 18. April. In den Medien versucht man, die Katastrophe herunterzuspielen und die Zahl der Todesopfer bewusst niedrig zu halten. Lange Zeit ist nur von einigen hundert Opfern die Rede. Erst etliche Jahrzehnte später tauchen realistische Zahlen auf, wonach es mehr als 3.000 Tote gab. Nicht das Beben, sondern das Feuer sei der Grund für die Katastrophe, argumentieren die Stadtväter und Wirtschaftsunternehmen. Denn fehlende Brandschutzeinrichtungen, bauliche Mängel und schlechtes Katastrophemanagement sind menschengemachte Fehler, die in Zukunft verhindert werden könnten. Vor allem der größte Investor der Region, die Southern Pacific Company, versucht so, die Aktionäre zu beruhigen. Sie hatte große Kredite aufgenommen, um das kalifornische Schienennetz zu bauen, und fürchtet jetzt einen starken Kursverfall ihrer Aktie.

Kursverluste drohen nicht nur den Firmen, die direkt durch das Erdbeben geschädigt wurden. Viele Versicherungen müssen ihre finanziellen Reserven in Form von Aktien mobilisieren und verkaufen ihre Spitzenwerte. Der Aktienindex Dow Jones Industrial Average sinkt in den ersten Wochen nach dem Beben um 10 %.

Das neue San Francisco

Ausgerechnet einen Tag vor dem Beben legt der berühmte amerikanische Architekt und Stadtplaner Daniel Hudson Burnham einen Plan zur Erneuerung San Franciscos vor. Eine gigantische Metropole im barocken Stil soll entstehen. Burnhams Idee bietet praktisch den Neuaufbau. Die Chance dazu wäre da, aber die Stadtväter entscheiden anders. Für diesen aufwändigen Wiederaufbau fehlt die Zeit. Die Stadt braucht keinen Prunk, sondern wirtschaftliches Wachstum — und zwar schnell. Also entsteht das neue San Francisco ganz ähnlich wie das alte: schnell, organisch und teilweise unüberlegt.

Das nächste starke Beben

Am 17. Oktober 1989 erschüttert das Loma-Prieta-Erdbeben mit einer Stärke von 6,9 die Stadt. 68 Menschen sterben, der volkswirtschaftliche Schaden beträgt 6 Milliarden US$. Die Gebäude im Stadtzentrum überstehen den Erdstoß ohne Schaden. Wie zu erwarten war, trifft es wieder genau die Häuser, die hastig und nachlässig errichtet wurden, vor allem in Oakland in der East Bay. (Anm: viele Opfer waren es nicht, und ein guter Teil Teil geht auf den Einsturz des Cypress Viaducts zurück). Am schlimmsten trifft es wieder die Gebiete auf dem aufgeschütteten Grund. Die Häuser im Marina District — errichtet auf den Trümmern des Bebens von 1906 — sacken um 13 Zentimeter ab. Wie 1906 bersten Wasser- und Gasleitungen, einige Brände brechen aus. Das Gebiet, das anlässlich der Weltausstellung 1915 aufgeschüttet wurde, wird fast völlig zerstört. Die Oakland-Bay-Bridge wird für einen Monat unterbrochen und ist für den Pendler- und Güterverkehr nicht passierbar.

Beunruhigende Prognosen

Bis zum Jahr 2032 wird es mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 % zu einem weiteren starken Beben in der Nähe von San Francisco kommen. Das geht aus einer Studie des U. S. Geological Survey hervor. Seine Stärke wird demnach voraussichtlich zwischen 6,7 und 7,2 liegen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird nicht die San-Andreas-Verwerfung das Beben auslösen, sondern die weiter östlich verlaufende Hayward-Verwerfung. Kalifornien ist heute auf eine Großkatastrophe mit Sicherheit — auch versicherungstechnisch — besser vorbereitet, als dies 1906 der Fall war. Baurichtlinien und Baustandards zählen weltweit zu den besten, das Katastrophenmanagement für die Bay Area ist zentral geregelt, private Firmen haben Notfallpläne und Back-up-Einrichtungen.