10 Der Mythos vom menschlichen Versagen
Kann ein Mensch allein eine Katastrophe auslösen? Die Wissenschaft bezweifelt das. Meist ist es ein Zusammentreffen unvorhersehbarer Umstände. Hinzu kommt die steigende Komplexität und Vernetzung unserer globalen Systeme, die das menschliche Denk- und Urteilsvermögen an seine Grenzen bringen.
Eine Zigarette zerstört 2.500 Häuser
1904, Baltimore — im Untergeschoss von Hurst & Company wird eine brennende Zigarette achtlos weggeworfen. Ihre Glut entfacht einen Brand, der die Feuerwehren von Baltimore, Washington, Philadelphia und New York über 30 Stunden in Atem hält. Das Feuer breitet sich rasant aus. Die Löscharbeiten gehen nur schleppend voran, denn die Schlauchkupplungen der "Firefighter" aus den Nachbarstädten passen in Baltimore nicht. 600 verschiedene Kupplungssysteme gibt es 1904 in den USA. Die sofortige Reaktion der National Fire Protection Association: ein landesweiter Standard für Schlauchkupplungen. 2.500 Gebäude werden bei dieser Brandkatastrophe zerstört, für die Münchener Rück ist Baltimore der erste Großschaden.
Ist ein leichtsinniger Raucher für den Brand einer ganzen Stadt verantwortlich? Nein, sagen auch die Statistiken. Katastrophen passieren, wenn Versäumnisse, falsche Entscheidungen und Zufall plötzlich zusammentreffen. So auch am 25. Juli 1956, als der italienische Luxusliner "Andrea Doria" und das schwedische Passagierschiff "Stockholm" in eine Nebelbank geraten. Die Kapitäne sehen das jeweils andere Schiff auf dem Radar, interpretieren aber die Radaranzeige falsch und leiten Ausweichmanöver zur Kollisionsvermeidung ein, die in der Konsequenz genau das Gegenteil bewirken und zu einem tragischen Unfall führen. Der Bug der "Stockholm" bohrt sich in die Steuerbord-Längsseite und reißt in die "Andrea Doria" ein Loch, das fast bis zum Kiel reicht. Das Passagierschiff sinkt in wenigen Stunden. 51 Menschen sterben. Die Münchener Rück deckt 900.000 DM (460.000 Euro) des Schadens.
Der Mensch ist kein guter Stratege
Mit fortschreitender Technik erhöht sich auch das Risiko: Bohrinseln brennen, Giftwolken entweichen aus Chemieanlagen, Schiffe havarieren durch blindes Vertrauen in die Technik. Die steigende Komplexität der Technik und die Verknüpfung vieler Einzelrisiken überfordert uns Menschen offenbar. Professor Dietrich Dörner und seine Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Universität Bamberg haben untersucht, wie Menschen sich in komplexen Situationen verhalten, wie sie Entscheidungen fällen und ob sie dabei bestimmten erlernten Mustern folgen. Das Ergebnis war erschreckend: Die meisten unserer Denkmuster führen zwangsläufig zu einer Fehlentscheidung. Unser Denkvermögen wurde für eine einfach strukturierte Umwelt entwickelt — sprich für alles andere als das, was uns heutzutage umgibt.
Tschernobyl 1986: Die Ingenieure fahren die Leistung des Reaktors herunter, um ein Testprogramm durchzuführen und setzen dadurch einige elementare Sicherheitsvorkehrungen außer Kraft. Als sie merken, dass das System instabil wird, wollen sie den Reaktor wieder auf Leistung bringen. Doch zu spät — es kommt zur Explosion. Es scheint fast, der Mensch neige dazu, sich gefährliche Gewohnheiten anzueignen. Solange sie folgenlos bleiben, entsteht ein trügerisches Sicherheitsgefühl gegenüber Gefahren. Im Laufe des Tschernobyl-Prozesses 1987 stieß man auf 71 Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften. Das Risiko war vollends ausgereizt worden.
Megacitys — das vom Menschen geschaffene Risiko
17. Januar 1995: die südjapanische Millionenmetropole Kobe wird von einem Erdbeben mit der Magnitude 6,9 erschüttert. Über 6.000 Menschen sterben, es entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden von weit über 100 Milliarden US$. Das Erdbeben ist eine der teuersten Naturkatastrophe aller Zeiten. Die ungeheuren Wertekonzentrationen in Megacitys wie Kobe bergen Risiken in einem Ausmaß und einer Komplexität wie kaum ein anderer Lebensraum auf unserem Erdball. Megacitys stellen ein von Menschen gemachtes Risiko dar, dem die Münchener Rück bereits seit den 90er Jahren besondere Aufmerksamkeit widmet. Zahlreiche Veröffentlichungen geben Aufschluss über die Risiken und Chancen von Megacitys. Lesen Sie zu diesem Thema auch unsere aktuelle Publikation "Megastädte — Megarisiken", in der sich Münchener-Rück-Experten ausführlich mit den Risiken aus dem Blickwinkel der Versicherer beschäftigen.