09 Die Entwicklung der Technischen Versicherungen
Im 19. Jahrhundert revolutioniert die Dampfmaschine unsere Industriekultur — und bringt bisher unbekannte Risiken mit sich. Die Münchener Rück etabliert vor über 100 Jahren die Technischen Versicherungen in Deutschland. Sie werden zum Motor für die rasante technische Entwicklung des letzten Jahrhunderts.
Technik braucht Versicherungsschutz
Mitte des 19. Jahrhunderts erlebt in England die Industrielle Revolution ihre Blütezeit. Die Dampfmaschine verändert das technische und gesellschaftliche Weltbild. Aus Manufakturen werden Fabriken, der Fabrikarbeiter steht mit dem Handwerker auf einer Stufe bzw. ersetzt ihn. Doch mit der neuen Technik entstehen neue Gefahren, insbesondere durch Kesselexplosionen bei Dampfmaschinen. Neben vielen — oft tödlichen — Personenschäden treten gewaltige Sach- und Feuerschäden auf, die sich auch auf die Umgebung der jeweiligen Fabrikanlagen auswirken. Das finanzielle Risiko wächst immens und ist nur zum Teil über die klassischen Feuer- und Haftpflichtversicherungen gedeckt.
Um die neuen Gefahren besser in den Griff zu bekommen, gründen die Kesselbetreiber in Großbritannien 1854 die "Manchester Steam Users Association". Ihre Aufgabe: die Dampfmaschinen der Mitglieder regelmäßig auf Mängel untersuchen und die Mitarbeiter im sachgemäßen Umgang mit der neuen Technik unterrichten. Die technische Inspektion und Revision sowie die Berufsbilder des Inspektions-, Revisions- und Versicherungsingenieurs sind geboren. Das Engagement des Verbands vermindert die Zahl der Kesselexplosionen beträchtlich. Trotz der erreichten Risikominimierung ist das hohe finanzielle Risiko bei einem Zwischenfall nicht vom Tisch. Deshalb beschließen einige der Ingenieure, nicht nur Schäden zu verhüten, sondern auch Versicherungsschutz für Sach- und Personenschäden anzubieten. 1859 wird ebenfalls in Manchester die "Steam Boiler Assurance Company" gegründet. Sieben Jahre später entsteht in den USA die Hartford Steam Boiler Inspection & Insurance Company — heute eine der größten Versicherungs- und Inspektionsgesellschaften für technische Risiken in den USA.
Die Münchener Rück etabliert die Technischen Versicherungen
In Deutschland setzt die Industrialisierung erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Sie löst eine Welle von Unternehmensgründungen aus — und wie in England und den USA entsteht Bedarf an speziell technisch orientierter Risikodeckung. Der Oberingenieur Fritz Böhrer, damals Mitarbeiter der Münchener Rück, kennt die Gefahren aus seiner Zeit als technischer Direktor in einer Druckerei. Böhrer schlägt Carl Thieme vor, eine in Deutschland bis dahin noch nicht erhältliche "Versicherung von Maschinen und maschineller Vorrichtungen für alle industriellen Betriebe, Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwerke etc. etc." anzubieten. Ein für die Versicherungswirtschaft geradezu revolutionärer Schritt, der weit über die bisher bekannte "Kesselversicherung" hinaus ging und sich nun auf Industriemaschinen jeglicher Art bezog. Carl Thieme befürwortet die Idee und lässt Böhrer den Markt analysieren. Der Ingenieur startet eine schriftliche Umfrage bei Gewerbe- und Industrieunternehmen in Bayern, die den Bedarf bestätigt. Gemeinsam mit befreundeten Versicherungsunternehmen wird daraufhin eine "Unfallversicherung" als Ergänzung für eine bereits bestehende Betriebshaftpflichtversicherung entwickelt. Am 1. Januar 1900 wird der damaligen Zweigniederlassung der Allianz Versicherungs-AG die Konzession zum Betrieb dieser Maschinenversicherung in Bayern erteilt. Bis 1904 wird die Konzession auf mehrere Erstversicherer in ganz Deutschland ausgedehnt.
Die Entwicklung im 20. Jahrhundert
Das Geschäft wird mithilfe eigens ausgebildeter Vertreter schnell ausgeweitet und für Maschinen fast aller Branchen angeboten. Die Münchener Rück vertreibt die Maschinenversicherung bald in Österreich, Ungarn, Italien, der Schweiz, Norwegen, Dänemark, den Niederlanden und letztlich auch in Übersee. Am 15. August 1910 wird der junge Versicherungszweig erweitert um eine Versicherung für Vermögensschäden als Folge versicherter Maschinenschäden — der frühe Vorläufer der Maschinen-Betriebsunterbrechungsversicherung.
In den 1920ern folgen den klassischen Anlagen des Industriezeitalters elektromechanische Geräte wie Telefon, Elektrouhren, Fernmeldeanlagen und medizinische Geräte, etwa der Röntgenapparat. Zur Instandhaltung und Beaufsichtigung von Telefon- und sonstigen Schwachstromanlagen entsteht 1919 die "Telephon-Versicherungs-GmbH" in Hamburg. Der erste echte deutsche Versicherer auf dem Gebiet ist die ELEKTRA Versicherungs-AG, die am 18. Juni 1923 in Frankfurt am Main gegründet wird. Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Transistor erfunden wird und der Masseneinsatz elektrischer Geräte beginnt, erlebt die Elektronikversicherung einen gewaltigen Aufschwung. Die spätere Erfindung der Halbleitertechnik und der Computertechnik halten die enorme Nachfrage nach diesen Absicherungen im industriellen und privaten Bereich bis heute aufrecht.
In den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg sucht die Investitionsgüterindustrie nach umfassendem Versicherungsschutz gegen Risiken, die während des Entsehens neuer technischer Anlagen den kalkulierten Ertrag der Bauunternehmer und sonstiger Lieferanten gefährden könnten. So entsteht 1924 mit Unterstützung der Münchener Rück die Montageversicherung, die von der Atlantic-Versicherung und der Allianz am Markt eingeführt wird. Die Montageversicherung bietet dem Unternehmer eine einfache, unkomplizierte Deckung nach dem Allgefahrenkonzept und ist derart erfolgreich, dass sich das Produkt rasch in Europa und Übersee durchsetzt. Der weltweite Risikoausgleich konnte dieser schwierigen, eher großschadenexponierten Sparte zu schnellem Erfolg verhelfen und bestätigte das Konzept des Münchener Rück Gründers Thieme, das Unternehmen als global agierenden Rückversicherer zu etablieren. Als 1934 die Möglichkeiten der Reservebildung für offene Schäden zum Nachteil der Bauunternehmer stark beschränkt werden, führt man auf der Grundlage der Montageversicherung die Bauleistungsversicherung in Deutschland ein.
Ohne den umfassenden Versicherungsschutz wäre die technische Entwicklung im letzten Jahrhundert kaum so rasch vorangeschritten. Er ermöglicht Planung, Bau und Betrieb von innovativen technischen Anlagen mit einem kalkulierbaren Risiko für Hersteller und Betreiber.
Die Technische Versicherung boomt
Bei der Münchener Rück entwickelt sich aus der kleinen Gruppe "Maschinenversicherung", die in der Sparte "Verschiedene Versicherungszweige" untergebracht war, im Jahr 1960 der eigenständige Geschäftsbereich Sach/Technik.
Zeitgleich verstärkt die Münchener Rück ihre Aktivitäten im Ausland. Die Technischen Versicherungen werden zum Türöffner bei der Erschließung neuer Kundenbeziehungen. Um Engineeringrisiken vor Ort zu bearbeiten, entsteht 1963 in Karatschi der erste Ingenieursstützpunkt. Hongkong, Mexiko-Stadt, Tokio, Sydney und viele weitere folgen. Die Entwicklung von Policen und Tarifierungsrichtlinien erfolgt in München und jeweils vor Ort, um die Lösungen den lokalen Marktsituationen anzupassen. Zum Aufbau des Engineeringgeschäfts werden auf einigen Märkten Pools eingerichtet, um junge Erstversicherer finanziell abzusichern. Der rege Austausch von Wissen und Erfahrungen mit den lokalen Zedenten schafft die solide Grundlage für unsere Geschäftsbeziehungen weltweit. So hat 1956 die Gründung des Pools "Union of Machinery" in Japan maßgeblich zur Marktführerschaft der Münchener Rück auf dem dortigen Versicherungsmarkt beigetragen.
Die Technischen Versicherungen heute
Aus den 1960 erwirtschafteten 50 Mio. DM (25,5 Mio. €) Beitragsvolumen werden bis zum Jahr 2001 über 1,4 Milliarden €. Seit 2001 sind für die Sparte "Technische Versicherungen" bei der Münchener Rück die jeweiligen Regionalressorts und das Spezialressort "Corporate Underwritig/Global Clients" (CUGC) zuständig. Ein Knowledge-Management-System stellt den abteilungsübergreifenden Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch sicher.
Heute arbeitet die Münchener Rück im Bereich Technische Versicherungen gemeinsam mit ihren Innovationsteams an Lösungen für Zukunftsbranchen wie Umwelttechnik oder erneuerbare Energien. Laufend neue technische Herausforderungen verlangen unseren vollen Einsatz, um unser hohes Niveau an Expertenwissen zu halten und unsere Meinungsführerschaft weiter auszubauen.