08 Unberechenbare Natur
Seit dem Erdbeben in San Francisco 1906 beschäftigt sich die Münchener Rück intensiv mit Naturgefahren. Mittlerweile sind Methoden und Wissenspools entstanden, die das Naturgefahrenrisiko berechenbarer machen.
Muster oder Chaos?
Von jeher sucht die Menschheit nach Erklärungen für Katastrophen, nach warnenden Zeichen, nach Sicherheit. Entstehen Katastrophen aus dem Nichts, aus der Laune der Natur, sind sie unausweichliches Schicksal oder aber ergründbare und vorhersagbare Ereignisse? Wie berechenbar kann eine Naturkatastrophe, eine Sturmflut oder ein Erdbeben sein?
Im Jahr 1703 schreibt der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz an den Mathematiker Jacob Bernoulli, dass die "Natur Muster eingerichtet hat, die zur Wiederholung von Ereignissen führen - aber nur für den größten Teil". Mit dieser Einschränkung liefert er den Schlüssel zu der Erkenntnis, weshalb es so etwas wie Risiko überhaupt gibt.
Heute findet Benoit Mandelbrot, der "Vater der Fraktale", Ordnungsparameter in komplexen, chaotischen Systemen. Fraktale sind - vereinfacht ausgedrückt - Teile oder Ausschnitte eines Ganzen, die bei Vergrößerung wie das Ganze aussehen. Einige Geowissenschaftler benutzen bereits Methoden der Fraktalmathematik, um katastrophale Naturvorgänge wie Erdbeben, Wirbelstürme, Überschwemmungen und Vulkanausbrüche zu untersuchen.
Die Nacht, in der die Deiche brechen
Februar 1962: Über der Deutschen Bucht braust der Orkan Vincinette. Er drückt das Nordseewasser mit Windstärke 12 in die Elbmündung. Gegen 22 Uhr erreicht der Sturm seinen Höhepunkt. Mit 150 km/h presst er zehn Meter hohe Wellenberge die Elbe hoch - auf Hamburg zu.
Das Wasser tritt über die Schutzwälle. Innerhalb einer halben Stunde brechen 50 Deiche. Hamburgs Süden versinkt in den Fluten. Das Wasser steigt binnen weniger Minuten auf mehrere Meter, Straßen verwandeln sich in rauschende Sturzbäche, Häuser brechen zusammen. 315 Menschen finden allein in Hamburg den Tod, 15 000 werden obdachlos.
Für die Münchener Rück beträgt die Schadensumme zusammen mit den Schäden aus den Stürmen der Vortage rund 16 Mio. DM (8 Mio. €). Es ist für das Unternehmen eines der größten und schwerwiegendsten Schadenereignisse aus Naturkatastrophen seit der Erdbeben- und Feuerkatastrophe in San Francisco im Jahr 1906.
Der Adolph-Bermpohl-Orkan (1967) und der Niedersachsen-Orkan (1972) folgen. Die Serie gipfelt 1976 in dem Orkan Capella - der heftigste Sturm, den Europa in der jüngeren Vergangenheit erlebt hat. Benannt wird er nach dem Motorschiff "Capella" aus Rostock, das mit 11 Mann vor der holländischen Küste sinkt. Capella verursachte in Europa einen volkswirtschaftlichen Schaden von rund 3 Mrd. DM (1,6 Mrd. €).
Immer extremere Werte
Stürme sind jene Naturkatastrophen, welche die höchsten versicherten Sachschäden hervorrufen. Durch ihre Häufigkeit und Ausdehnung führten sie auch für die Münchener Rück in den letzten Jahrzehnten zu den höchsten Belastungen aus Naturkatastrophen. In außereuropäischen Klimazonen wüten die Stürme noch gewaltiger als in Europa: 300 000 Menschen sterben 1970 im Golf von Bengalen. Bis zu 3 Mrd. US$ volkswirtschaftlichen Schaden verursacht Hurrikan Agnes in den USA im Jahr 1972.
In den Küstenregionen ballen sich immer mehr volkswirtschaftliche Werte und Stürme entfesseln dort ihre größte Wucht. Der Hurrikan Andrew richtete 1992 in Florida mit rund 15 Mrd. US$ den bisher größten Versicherungsschaden an, da viele Hotels und wichtige Gebäude direkt am Strand gebaut wurden. "Nur einige 100 m weiter im Landesinneren wären die Schäden wesentlich geringer ausgefallen", so Dr. Gerhard Berz 1995. Der Mitbegründer und langjährige Leiter der Abteilung GeoRisikoForschung der Münchener Rück sieht ein Problem in der "hausgemachten" Klimaerwärmung. Man könne heute kaum mehr bezweifeln, dass die höhere Anzahl und Intensität von Stürmen, Unwettern und Überschwemmungen in aller Welt auf die rasche Zunahme der Luft- und Meerestemperaturen zurückzuführen seien.
Die Forschungsgruppe um Berz präsentiert 1978 die "Weltkarte der Naturgefahren", die sich als "großer Wurf" erweist und bis heute - inzwischen auch als interaktive CD-Rom - ein einmaliges Informationsmittel für Wissenschaftler, Ingenieure und die Versicherungswelt ist. Darüber hinaus führt die Forschungsgruppe detaillierte Studien zur Gefährdungssituation in einzelnen Ländern und insbesondere zur möglichen Schadenbelastung einzelner Versicherungsunternehmen und -märkte durch. Hierzu entwickelt das Team - seit 2005 von Prof. Peter Höppe geführt - eine komplexe Modellierungssoftware, mit der die wichtigsten Naturkatastrophen abgebildet werden können.
Steigender Schadentrend verlangt Risikopartnerschaft
Im vergangenen Jahrzehnt steigt die Zahl der großen Naturkatastrophen gegenüber den 1960er-Jahren um das Dreifache. Die volkswirtschaftlichen Schäden erhöhen sich um das Siebenfache und die versicherten Schäden sogar um das 15fache - ein wirklich dramatischer Anstieg. Die Münchener Rück spricht sich 1995 für mehr Risikopartnerschaft aus, bei der Versicherungsnehmer, Versicherer und Rückversicherer sowie Regierungen und Behörden zusammenwirken. Versicherer und Rückversicherer könnten mit dem nötigen Expertenwissen zu den Problemlösungen beitragen.
Als Hauptgründe für die alarmierende Zunahme der Katastrophenschäden nennen Wissenschaftler die Bevölkerungsentwicklung und das Städtewachstum, die Werteentwicklung, die Besiedelung und Industrialisierung, die erhöhte Katastrophenanfälligkeit moderner Industriegesellschaften sowie Klima- und Umweltveränderungen.
Wissen aufbauen - Erfahrungen teilen
Seit 30 Jahren dokumentiert und analysiert die Münchener Rück Informationen zu Naturkatastrophen aus aller Welt. Kernstück ist eine Schadendatenbank, in der seit Mitte der 1980er-Jahre alle weltweit erfassten Elementarschadeninformationen verwaltet werden. Der "NatCatSERVICE®" eignet sich nicht nur dafür, das Ausmaß und die Intensität einzelner Elementarschadenereignisse in verschiedenen Regionen der Erde zu dokumentieren. Er kann auch für regionale und globale Gefährdungsanalysen und für Trenduntersuchungen herangezogen werden.
Mit NATHAN, dem NATural Hazards Assessment Network, stellt die Münchener Rück insbesondere den Versicherern aktuelle und fundierte Information aus dem Naturgefahrenbereich zur Verfügung. Die Online-Applikation bietet interaktive "Weltkarten der Naturgefahren", Zugang zum Münchener Rück NatCatSERVICE® und zahlreiche länderbezogene Wirtschaftsdaten. So stehen die Georisikoexperten der Münchener Rück auch in Zukunft im engen Dialog mit Forschung und Versicherungswelt, um ihr Wissen weiter zu vermehren und auszutauschen.