07 Der Sprung ins All

Neben ihrem 125-jährigen feiert die Münchener Rück dieses Jahr noch ein Jubiläum: Die Abteilung Raumfahrt wird 25. Wir blicken zurück: Was hat sich seit Sputnik 1 in der Deckung von Raumfahrtrisiken getan?

Der erste Satellit im All

Am 4. Oktober 1957 startet ein kugelförmiges, 58 cm großes und 83 kg schweres Objekt in den Weltraum. Mit 29 000 km/h umkreist es die Erde: Sputnik 1, der erste künstliche Satellit ist im Orbit. Die Ära der Raumfahrt hat begonnen. Am 12. April 1961 umkreist Juri Alexejewitsch Gagarin als erster Mensch im Weltraum die Erde. Da die UdSSR das Wettrennen um die Raumfahrt anführt, konzentrieren sich die USA auf die erste bemannte Mondlandung. Am 20. Juli 1969 erleben eine halbe Milliarde Fernsehzuschauer, wie Neil Armstrong seinen Fuß auf den Mond setzt.

Mitte der 1960er-Jahre beginnt die Kommerzialisierung der Raumfahrt; private Betreiber bringen Kommunikationssatelliten in ihre Umlaufbahnen. Die Investitionen gehen in die Millionen. Im Gegensatz zu den staatlich subventionierten Projekten kann die privatwirtschaftliche Raumfahrt die Ausfallrisiken nicht decken. Es entsteht dringender Bedarf an Versicherungsschutz.

Die erste Raumfahrtversicherung

1965 schließt die amerikanische Gesellschaft Comsat für den Satelliten "Early Bird" die erste Satellitenversicherung ab. Die Versicherung besteht aus einer Haftpflichtdeckung für eventuelle Drittschäden beim Start und eine Pre-Launch-Versicherung — einer Art Kaskoversicherung für den Satelliten und die Trägerrakete vor dem Start. Eine Launch-Versicherung wollen die Luftfahrtversicherer damals nicht zeichnen, da hierfür keine Erfahrungswerte vorliegen, um das Risiko vernünftig einschätzen zu können.

Die erste Launch-Versicherung wird 1968 für fünf Intelsat-III-Starts abgeschlossen — mit einem Fehlstart im Selbstbehalt. Im Laufe der Jahre wächst die Erfahrung. Ein hoch spezialisierter, eigenständiger Raumfahrtversicherungsmarkt entwickelt sich, der umfassenden und für das jeweilige Projekt maßgeschneiderten Versicherungsschutz während der Pre-Launch-, Launch- und In-Orbit-Phase bietet.

Die Prämienberechnungen sind anfangs sehr schwierig, denn aufgrund der geringen Startfrequenzen fehlen repräsentative Zahlen als Grundlage. Zudem müssen die Versicherungskonzepte wegen des extrem hohen Innovationsgrads der Raumfahrtindustrie permanent angepasst werden.

Geringes Risiko — hoher Schaden

Anfangs schätzt man das Risiko eines Schadenfalls in der Raumfahrt als relativ gering ein. Raumfahrtversicherungen gelten bald als lukratives Geschäft. Immer mehr Anbieter sorgen für sinkende Preise bei steigenden Versicherungssummen. Bis 1977 der Nachrichtensatellit OTS-1 durch die Explosion der Startrakete zerstört wurde. Der Schaden liegt bei 27 Mio. US$ und macht auf einen Schlag sämtliche Prämieneinnahmen der internationalen Raumfahrtversicherungswirtschaft aus 12 Jahren zunichte. 1979 liegt die Schadenquote weltweit bei 200 % — auf 60 Mio. US$ Prämien kommen 121 Mio. US$ Schäden. Das Versicherungsangebot sinkt, die Prämien steigen deutlich an. Dieser klassische Zyklus von Angebot und Nachfrage beobachten wir bis heute, wobei die Versicherungssummen weiter angestiegen sind. Heute liegt der Wert eines Kommunikationssatelliten bei rund 250 Mio. US$ — im Einzelfall sogar noch höher. Für die Versicherung von Raumfahrtrisiken gewähren die Versicherer den denkbaren weitesten Deckungsumfang. Im Gegensatz zu Maschinen, die in einer Fabrik stehen, hat man im Orbit schon bei der kleinsten Fehlfunktion nahezu keine Reparaturmöglichkeit. Schon ein defektes Relais kann zum Totalschaden in Millionenhöhe führen. Deshalb gibt es — abgesehen von Kriegs-, Terror- oder Nuklearausschlussklauseln — in der Raumfahrt keine Ausschlüsse.

Die Münchener Rück geht mit RATE an den Start

Die Münchener Rück trägt dem Bedarf an hoher Zeichnungskapazität und der Notwendigkeit der Knowhow-Konzentration Rechnung, indem sie 1980 den hausinternen Pool für Raumfahrttechnik RATE gründet. RATE setzt sich aus den Branchen Luftfahrt, Transport und Technische Versicherung zusammen. Die Münchener Rück wird zum Marktführer bei der Deckung von Raumfahrtrisiken und ist seither an nahezu jedem kommerziellen Raumfahrtprojekt beteiligt.

In der Raumfahrtversicherung kann es zu gigantischen Schadensummen kommen. Die bisher höchste in ihrer Geschichte entsteht bei sechs baugleichen Boeing-702-Satelliten, die von Dezember 1999 bis Mai 2001 in den Orbit transportiert werden. Wenige Wochen nach Start des letzten Erdtrabanten stellt sich heraus, dass die Solargeneratoren schneller altern als erwartet. Die Betriebszeit von ursprünglich angenommenen 15 Jahren fällt somit deutlich kürzer aus. Die Raumfahrtversicherer werden mit einer Schadensumme von insgesamt ca. 830 Mio. US$ belastet.

Münchener Rück ist Marktführer

Unsere Abteilung Raumfahrt feiert in unserem großen Jubiläumsjahr ebenfalls einen runden Geburtstag. Seit nunmehr 25 Jahren befasst sich ein Team von Spezialisten mit höchster Flexibilität, Reaktionsgeschwindigkeit und Kreativität ausschließlich damit, Raumfahrtrisiken zu versichern. Mit einem Anteil von 15 bis 20 % am globalen Prämienvolumen ist die Münchener Rück der mit Abstand größte Risikoträger und weltweit anerkannter Leader in diesem Geschäft, das wir innerhalb der Münchener-Rück-Gruppe auch als Erstversicherer zeichnen.