06 Risiko im Wandel der Zeit
Früher machten eine Grippe oder die Dampflok Angst, heute sind es Naturkatastrophen oder die Terrorgefahr. Risiko und Risikobewusstsein haben sich in den letzten 125 Jahren stark verändert.
Risiko anno 1880
Bayern vor der Jahrhundertwende: Wir befinden uns mitten im gesellschaftlichen Umbruch von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Noch ist die Landwirtschaft der größte Wirtschaftszweig der Region. Die Bedürfnisse der Gesellschaft sind auf den täglichen Bedarf ausgerichtet. Die Familien streben nach Arbeit, einem Dach über dem Kopf und einem gedeckten Tisch. Um die elementaren Bedürfnisse abzusichern, gibt es Feuer-, Hagel-, Glas-, Unfall-, Transport- und bald auch Kranken- und Lebensversicherungen.
Mit diesen etablierten Zweigen startet die Münchener Rück ihr Geschäft. Doch der Visionär und Gründer Carl Thieme weiß, dass große wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen bevorstehen. Die Dampfmaschine eröffnet das Industriezeitalter. Sie bringt Fortschritt - und Risiken. Kesselexplosionen oder das Bersten der großen Schwungräder verursachen völlig neue, bisher noch nicht da gewesene Sach- und Personenschäden in den Fabriken und ihrer Umgebung. Immer mehrdimensionaler werden die Risiken. Mensch, Maschine und Gesellschaft sind von Schadenfällen in vielfältiger Weise betroffen. Es entsteht eine neuartige Risikomixtur aus Sach, Haftpflicht, Kranken und Leben - auf privater und industrieller Ebene.
Wirtschaftswachstum - Risikowachstum
Früher galten Dinge als gefährlich, die für uns heute ganz selbstverständlich sind. Als 1835 der Adler - die erste Eisenbahn in Deutschland - mit damals unglaublichen 30 Stundenkilometern von Nürnberg nach Fürth rast, fürchtet man, allein vom Zusehen verrückt zu werden. Und wer gar mitfahre, spiele mit seinem Leben. Denn unser Gehirn halte solche Geschwindigkeiten niemals aus - dachte man. Heute erscheint uns das komisch - aber in Wirklichkeit haben wir einfach nur gelernt, mit neuen Entwicklungen umzugehen.
Mit der technischen Entwicklung wächst der Bedarf an Sicherheit. Die Technik soll zwar Risiken ausschalten, bringt aber wiederum neue mit sich. Bestes Beispiel: der Bau der Titanic. Die Innovation ist ein Rumpf aus Stahl. Das Schiff gilt als unsinkbar. Doch keiner weiß, dass der stark schwefelhaltige Stahl im kalten Wasser spröde wie eine Eierschale wird. Ein wesentlich geringerer Stoß als der eines Eisbergs hätte wahrscheinlich genügt, das Schiff zum Sinken zu bringen.
In den weltwirtschaftlichen Aufbauphasen des 20. Jahrhunderts werden materielle Werte geschaffen wie nie zuvor. Bau-, Maschinen-, Export- und Elektronikversicherungen boomen. Parallel entsteht auch im Privatbereich ein immenser Wertezuwachs. Der Wunsch nach bloßer Existenzsicherung wird abgelöst vom Wunsch, den Wohlstand zu sichern. Heute stehen wir vor einem komplexen Netzwerk von Systemen, die entsprechende Risiken bergen. Dabei befinden sich die Systeme global in starker Wechselwirkung zueinander und erscheinen uns eher undurchschaubar. Ganz gleich, ob es sich um eine Fabrikanlage, die Börse oder ein Computernetzwerk handelt. Da wir es eher gewohnt sind, in linearen Abläufen zu denken, fällt es uns schwer, Gebilde zu erfassen, in denen vieles gleichzeitig geschieht. Die Herausforderung dabei ist, sich Fähigkeiten anzueignen, mit denen man die komplexen Risikostrukturen unserer Zeit verstehen, vernetzt denken und die Risiken beurteilen kann.
Chance : Risiko
Das Bedürfnis, Risiken in den Griff zu bekommen, kann man bis ins alte Ägypten zurückverfolgen. Auf Grabmalereien wurden Abbildungen des Astragalus entdeckt, einer Art Würfel aus Schafknöcheln. Er diente dem Glücksspiel und man versuchte damals schon, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, wie der Würfel fällt. Auch wenn hier von Glücksspiel die Rede ist, geht es letztlich darum, das Risiko des Verlierens bzw. die Chance des Gewinnens zu ermitteln. Was sehr anschaulich zeigt, wie nahe Risiko und Chance beieinander liegen.
Zu diesem Thema veranstaltet die Münchener Rück in ihrem Jubiläumsjahr im Haus der Kunst eine Ausstellung mit dem Titel CHANCE : RISIKO. Vom 1. Juli bis 1. November zeigen wir, wie Risiko in Verbindung mit unserer Themen- und Wissensfülle eine Triebkraft für Entwicklungen ist. Denn unsere tägliche Auseinandersetzung mit den brennenden Fragen der Zukunft lässt uns Risiken erkennen und gleichzeitig Chancen nutzen.