05 125 Jahre Partnerschaft
"Es muss betont Wert auf ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Erst- und Rückversicherer gelegt werden." Dieser Satz unseres Gründers Carl Thieme wird dieses Jahr 125 und hat nichts an Aktualität eingebüßt. 125 Jahre Münchener Rück — das sind 125 Jahre "Preferred Partner in Risk".
Unsere ersten Kunden
Als die Münchener Rück 1880 ihr Geschäft aufnimmt, hat sie weder Referenzen vorzuweisen noch ist sie am Markt bekannt. Was zählt, sind gute Kontakte. Bereits vier Tage nach der Gründung schließt Carl Thieme den ersten Rückversicherungsvertrag mit einer alten Bekannten ab: der Thuringia, zu dieser Zeit noch Arbeitgeber Thiemes; sein Vater war dort Direktor. Erster internationaler Kunde ist die Almindelige Brand-Assurance-Compagni in Kopenhagen, mit der 1880 ein Feuerrückversicherungsvertrag abgeschlossen wird. Das Geschäft beschränkt sich anfangs fast ausschließlich auf Feuerrisiken. Thieme konzentriert sich zunächst darauf, am bestehenden Markt eine Position einzunehmen, die ihm später erlaubt, neue Versicherungszweige zu entwickeln.
Kundennähe weltweit
Die Akquise erfolgt seinerzeit auf schriftlichem Wege. Fein säuberlich wird jeder Brief von Hand geschrieben. Die Briefe enthalten meist konkrete Angebote und neben der damals üblichen Provision stellt Thieme eine Gewinnbeteiligung in Aussicht. Bemerkenswert ist seine Idee, das Risiko durch Deckungen in verschiedenen Versicherungszweigen und durch geografische Streuung des Geschäfts auszugleichen. Thieme entwickelt Rahmenverträge auf Jahresbasis und schafft es, sein Produkt, den Rückversicherungsvertrag, bereits in seinem ersten Geschäftsjahr 33-mal zu verkaufen. Andere, zum Teil ältere Unternehmen hatten dazu Jahre gebraucht. Neben seinen äußerst fairen Angeboten steht Thiemes Persönlichkeit für den großen Erfolg. Sein Pragmatismus, seine Verbindlichkeit und sein Optimismus lassen bei Kunden das wichtigste Gefühl des Versicherungsgeschäfts entstehen: Vertrauen. Thieme ist der persönliche Kontakt außerordentlich wichtig. Er ist die meiste Zeit unterwegs, um neue Beziehungen zu knüpfen und alte zu pflegen. Noch mit 70 reist er 200 Tage im Jahr. Viele Stunden verbringt er mit seinem Sekretär Ruckdeschl im Zug — und arbeitet. Zeit dazu war genug: 1905 dauert eine Zugfahrt von München nach Hamburg 15 Stunden und 30 Minuten, nach Moskau ist Thieme damals 56 Stunden unterwegs.
Ist Thieme nicht auf Reisen, so empfängt er Besucher in München — auch privat. Seine Frau berichtet, fast täglich auf Gäste vorbereitet gewesen zu sein. Doch so viel er auch reist und Besuche empfängt, zur optimalen Zusammenarbeit mit Kunden in Hamburg, Wien, Paris, Russland, Schweden und der Schweiz sind Ansprechpartner vor Ort nötig. Schon im ersten Geschäftsjahr werden Vertretungen in Hamburg und Wien eingerichtet. 1886 wird eine Generalagentur in Paris eröffnet, die unsere Kunden in Frankreich, Belgien und Spanien betreut. Sankt Petersburg, Stockholm und Kopenhagen folgen. 1890 eröffnet Carl Schreiner für die Münchener Rück ein Büro in London — damit ist der Schritt in Richtung Kunden aus Übersee getan. 1892 werden die ersten beiden Feuerrückversicherungsverträge in den USA abgeschlossen. 1899 entsteht in New York die erste Außenstelle in den Vereinigten Staaten.
Vertrauen weltweit
1906 bebt die Erde in San Francisco. Die im Verhältnis zu den Prämieneinnamen bis heute größte Katastrophe für die Münchener Rück prägt ihr Image nachhaltig: Während manche Erst- und Rückversicherer versuchen, sich den Verpflichtungen zu entziehen, reguliert Thieme die Schäden prompt und unbürokratisch. Bereits einen Tag nach dem Erdbeben wird eine Million Dollar als A-conto-Zahlung überwiesen. 19 Versicherungsgesellschaften in Deutschland und den USA überleben diese Katastrophe nicht. Seit San Francisco gilt die Münchener Rück mehr denn je als verlässlicher Partner, der in der Lage ist, schwer kalkulierbare Risiken zu decken und diese im Schadenfall schnell zu regulieren. Innerhalb weniger Jahre hat es die Münchener Rück dank ihres Wissens, ihrer Finanzkraft und ihrer fairen Geschäftspolitik geschafft, höchstes Vertrauen auf internationaler Ebene zu gewinnen.
Gemeinsam Krisen bestehen
Die Qualität einer Partnerschaft zeigt sich am deutlichsten in Krisensituationen. Die beiden Weltkriege und die Inflation treffen die Münchener Rück hart. Auslandsgeschäft ist untersagt, ausländische Verträge und Beteiligungen müssen gelöst werden. Trotz des politischen und finanziellen Zusammenbruchs Deutschlands erleidet keiner unserer internationalen Kunden finanzielle Einbußen aus seinen Geschäftsbeziehungen mit der Münchener Rück. Unsere Depots im Ausland sind so gut ausgestattet, dass wir nach 1945 all unsere Verbindlichkeiten bezahlen können. Dann kommt die Währungsreform: Wir verfügen noch über 1,5 Millionen DM liquide Mittel und es ist nicht sicher, ob die Gehälter auf Dauer bezahlt werden können. Dazu kommt eine Woche nach der Reform ein Explosionsschaden der Badischen Anilinfabrik in Ludwigshafen, der uns netto 1,3 Millionen DM kostet. Die Mitarbeiterzahl sinkt auf 221, unser Hauptgebäude wird zur Hälfte vermietet. 1950 ist die Durststrecke überwunden. Geschäfte mit dem Ausland sind wieder erlaubt. Unsere Kunden haben uns nicht vergessen. Die ersten Verträge mit dem Ausland werden in Spanien unterzeichnet. Bereits im Geschäftsjahr 1951/52 kann wieder eine Dividende gezahlt werden. 1955, zum 75. Jubiläum, ist die Zahl der Geschäftsverbindungen und Verträge höher denn je.
Aus Risiko Wert schaffen
Seit der Gründung stehen wir im engen Dialog mit unseren Geschäftspartnern: Wir entwickeln gemeinsam neue Produkte wie die Maschinenversicherung. Durch gemeinsame Entwicklung von Deckungskonzepten und durch hohe Risikoübernahmen begleiten wir den technischen Fortschritt und ermöglichen die Markteinführung neuer Produkte. Nach dem Erdbeben in San Francisco 1906 werden Verbände und Arbeitsgruppen gegründet, die sich mit den unkalkulierbaren Gefahren der Natur auseinander setzen. Mitte der Fünfziger Jahre veröffentlichen wir ein erstes Einschätzungsbuch für die Versicherung von erhöhten Risiken in der Lebensversicherung. Dadurch können heute auch Menschen mit einem Gesundheitshandicap eine Lebensversicherung abschließen. Das Geschäft mit dem Risiko kennt keine Pausen, weil uns schon heute das beschäftigt, was morgen sein wird. Seit 125 Jahren verfolgen wir das gleiche Ziel: unser Wissen in Lösungen umsetzen. In den 1970ern wird die Abteilung REF "Rückversicherung: Entwicklung und Forschung" gegründet, die das Wissen der Münchener Rück fachlich konzentrieren und daraus — gemeinsam mit Kunden — neue Versicherungsmodelle konzipieren soll. Hier werden die ersten interdisziplinären Zeichnungsgemeinschaften für Risiken in der Meeres- und Raumfahrttechnik entwickelt. Aus der Abteilung REF wird 2002 der weltweit — nicht nur in der Versicherungswirtschaft — hoch angesehene Fachbereich GeoRisikoForschung, der sich auch weiter unter anderem mit den möglichen verheerenden Folgen des Klimawandels und seine bedrohlichen Auswirkungen auf die Assekuranz beschäftigt.
Im engen Austausch mit unseren Kunden arbeiten heute auch unsere "Innovative-Solutions-Teams" (IST) an den Aufgaben der Zukunft. Sie beschäftigen sich mit den Risiken der Zukunftstechnologien und mit Methoden, wie Versicherungsprodukte an neue Wachstumsmärkte angepasst werden können.
Angesichts des globalen Wettbewerbs und einer zunehmenden Komplexität der Risiken müssen wir heute allerdings intensiver um Lösungen ringen. Dazu gehört es, sich professionell mit einer angemessenen Verteilung der Chancen und Risiken auseinander zu setzen. Damit am Ende für beide Partner aus der Rückversicherungsbeziehung Wert geschaffen wird, bedarf es eines hohen Maßes an Dialogfähigkeit, Innovationsbereitschaft und Schnelligkeit. Dafür steht die Münchener Rück mit ihrem Wissen und ihren Mitarbeitern.