04 Die Gründung

Carl Thieme will trotz schlechter Wirtschaftslage und vieler Versicherungspleiten eine neue Rückversicherungsgesellschaft gründen. Er sieht die Chancen der Industrialisierung und entwickelt ein Unternehmenskonzept, das die ganze Branche revolutionieren wird. Und er findet Partner, die mit Begeisterung, Verstand und finanzieller Unterstützung den Erfolg der Münchener Rück maßgeblich mitgestalten.

Schlechte Zeiten für Versicherer

München im Jahre 1880: Die deutsche Versicherungsindustrie lahmt. Die Hauptbranchen Feuer und Transport laufen schlecht. Viele Neugründungen überleben die Krise nicht. Schlechte Zeiten eigentlich, um eine Rückversicherungsgesellschaft zu gründen. Carl Thieme, zu jener Zeit Generalagent und Generalbevollmächtigter der Thuringia für das Königreich Bayern, sieht das anders. Mit dem Beginn des industriellen Zeitalters und der damit zu erwartenden Internationalisierung wird der Bedarf an Risikodeckung steigen. Außerdem gehen von den ca. 45 Mio. Mark Rückversicherungsprämien über zwei Drittel in das benachbarte Ausland. Die meisten deutschen Rückversicherer sind wenig vertrauenserweckend, sehr klein und an einen Erstversicherer gebunden. Diese Unternehmen - so Thieme - sind den Anforderungen der Zukunft nicht gewachsen. Seine Rückversicherungsgesellschaft wird unabhängig sein und ihre Geschäfte frei wählen können. Sie wird Verträge in unterschiedlichen Regionen und für unterschiedliche Branchen zeichnen und so das Risiko verteilen. Das Vertragswerk wird standardisiert, damit der Arbeitsaufwand sinkt. Und seine Gesellschaft wird besonderen Wert auf ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Erst- und Rückversicherer legen. Das ist Thiemes Vision vom Rückversicherer der Zukunft.

Eine Vision wird Wirklichkeit

Thieme braucht Kapital und sucht Partner, die von seiner Idee überzeugt sind. Jemanden wie Theodor Freiherr von Cramer-Klett. Cramer-Klett ist einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der bayerischen Wirtschaft. Seine Maschinenfabrik ist der Nürnberger Anteil der heutigen Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg, kurz MAN. Wie Thieme hat der Unternehmer die Chancen des Industriezeitalters erkannt, ist an einigen Bankengründungen beteiligt, um die Finanzierung seiner Unternehmen zu sichern, und verfügt über gute Kontakte. Er bittet Wilhelm Finck, seinen langjährigen Finanzberater und - wie Kramer-Klett selbst - Teilhaber des Bankhauses Merck, Christian & Co. (später Merck, Finck & Co.), Thiemes Idee zu prüfen. Schon ist man zu dritt. Ebenfalls überzeugt sind Fincks ehemaliger Kollege Phillip Schmidt Polex und der Leiter der Süddeutschen Bodenkreditbank Friedrich von Schauss. Rechtsbeistand findet das Gründerteam in Hermann Pemsel, königlicher Advokat und Anwalt von Cramer-Klett und Finck. Das Team ist komplett.

Am 6. März beantragen das Bankhaus Merck, Finck & Co. und Dr. Pemsel beim Bayerischen Staatsministerium des Innern die Gründung der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft. Bereits am 15. März wird die Konzession erteilt. Am 3. April erstellt der Notar Dr. Hausmann in München den Gesellschaftsvertrag. Gemeinsam mit den Firmen Klett & Co., Merck, Finck & Co. und der Darmstädter Bank bringen die Gründer 3 Mio. Mark Grundkapital auf.

Am 19. April erfolgt der offizielle Eintrag ins Handelsregister. Am 23. April hat Thieme schon den ersten Vertrag in der Tasche: Der Aufsichtsrat genehmigt einen Feuer-Rückversicherungsvertrag mit der Thuringia. Jeder Vertrag muss durch den Aufsichtrat genehmigt werden. So sehr man an den umtriebigen Thieme glaubt, hält man es trotzdem für wichtig, seine Vorhaben zu prüfen und - wenn nötig - ihn auch mal zu bremsen.

Die ersten Räume

Carl Thieme mietet im April 1880 im ehemaligem Birnbaum Bräu im Fingergässchen zwei Büroräume. Zwar typisch für München, aber nicht besonders repräsentativ klingt die erste Adresse der Münchener Rück. Glücklicherweise wird das Fingergässchen bald verbreitert und Straße und Haus erhalten klangvollere Namen: Die Münchener Rück sitzt jetzt im Börsenbasar in der Maffeistraße 1. Thieme stellt vier Kanzleibeamte an: die Herrn Halder, Kinderle, Fiedler und Ramstetter. Ein junges, recht unerfahrenes Team, das am 1. Juli 1880 noch einen echten Profi dazubekommt: Carl Schreiner. Er ist 26, war sechs Jahre bei der Rheinisch-Westfälischen Rück und wird in wenigen Jahren das Geschäft der Münchener Rück bis nach Übersee ausbauen. 1890 gründet Carl Schreiner das "Foreign Department" in London und 1912 die "First Reinsurance Company of Hartford" - die wohl erste eigenständige Rückversicherungsgesellschaft in den USA.

In fünf Jahren auf Platz 1

Im ersten Geschäftsjahr der Münchener Rück genehmigt der Aufsichtsrat 33 Verträge mit 27 Zedenten. Sieben davon kommen aus Österreich, Dänemark, Schweden, Frankreich, Russland und der Schweiz. Ein Vertrag mit einer norwegischen Transportversicherungsgesellschaft wird "aus grundsätzlichen Bedenken" abgelehnt. Die Prämieneinnahmen liegen im ersten Geschäftsjahr bei 1,05 Mio. Mark. Eine beachtliche Leistung für ein neu gegründetes Unternehmen, das noch keine Referenzen hat und sich das Vertrauen seiner Kunden erst erarbeiten muss. 5 Jahre später ist die Münchener Rück der größte Rückversicherer der Welt.

Der Börsenbasar 1885